Pflanzliche Hyaluronsäure: was Tamarindensamen und andere Pflanzen-Feuchthalter wirklich können

NATURKOSMETIK

Pflanzliche Hyaluronsäure gibt es im eigentlichen Sinn nicht: Hyaluronsäure wird für Kosmetik heute meist durch bakterielle Fermentation hergestellt und ist damit in der Regel ohnehin vegan. Was unter dem Begriff verkauft wird, sind pflanzliche Vielfachzucker wie das Polysaccharid aus Tamarindensamen. Sie binden ebenfalls Wasser an der Hautoberfläche und hinterlassen einen feinen, glättenden Film, sind chemisch aber ein anderer Stoff. Sie ergänzen Hyaluronsäure gut, ersetzen sie aber nicht eins zu eins.

Gibt es pflanzliche Hyaluronsäure?

Nein, eine Hyaluronsäure aus Pflanzen gibt es als Kosmetikrohstoff nicht, und «pflanzliche Hyaluronsäure» ist deshalb ein Marketingbegriff. Hyaluronsäure ist ein Molekül, das im menschlichen und tierischen Bindegewebe vorkommt und von bestimmten Bakterien gebildet wird. Eine Übersichtsarbeit in Microbial Cell Factories beschreibt, dass Hyaluronsäure früher aus Hahnenkämmen gewonnen wurde und heute hauptsächlich über Fermentation mit Streptokokken entsteht. Für dich heisst das: Die Hyaluronsäure in einer Creme ist meist biotechnologisch hergestellt und braucht kein pflanzliches Etikett, um vegan zu sein. Ob eine Formel insgesamt tierfrei ist, hängt an allen anderen Zutaten, und das erklärt der Artikel zur veganen Feuchtigkeitscreme genauer.

Wenn ein Produkt mit «pflanzlicher Hyaluronsäure» wirbt, steht in der Zutatenliste deshalb meist etwas anderes: ein Polysaccharid aus Tamarindensamen, ein Gel aus Algen oder ein fermentierter Zucker. Diese Stoffe können sinnvoll sein. Sie haben nur eine eigene Wirkweise, und die solltest du kennen, bevor du sie mit dem bekannten Wirkstoff gleichsetzt. Was Hyaluronsäure selbst leistet, steht im Beitrag darüber, was Hyaluron wirklich kann.

Was bewirkt Tamarindensamen-Extrakt auf der Haut?

Tamarindensamen-Extrakt dient in der Hautpflege als Feuchthalter und Filmbildner: Er bindet Wasser an der Oberfläche und legt einen dünnen Film darüber, der die Haut glatter und weniger gespannt wirken lassen kann. Gemeint ist dabei nicht das Fruchtmus, sondern das Polysaccharid aus dem Samenkern, in der Zutatenliste als Tamarindus Indica Seed Polysaccharide deklariert. Chemisch ist es ein Xyloglucan. Eine Übersichtsarbeit im International Journal of Molecular Sciences beschreibt es als neutralen, verzweigten Vielfachzucker mit einem zelluloseähnlichen Rückgrat, an dem Seitenketten aus Xylose und Galactose hängen. Diese Struktur gilt als schleimstoffähnlich und erklärt, warum der Stoff gut auf Schleimhäuten haftet. Eine Übersicht in Carbohydrate Polymers nennt als Eigenschaften hohe Viskosität, eine breite pH-Toleranz und gute Bioverträglichkeit.

Ehrlich eingeordnet: Die meisten Daten zum Tamarindensamen-Polysaccharid stammen aus Augentropfen, Schleimhautprodukten und Arzneiträgern, nicht aus Studien zur Gesichtshaut. Dass es auf der Haut Feuchtigkeit hält und das Hautgefühl glättet, passt zu diesen Eigenschaften. Grosse Versprechen zu Falten oder Straffung lassen sich daraus nicht ableiten.

Wie unterscheiden sich Polysaccharid-Feuchthalter von Hyaluronsäure?

Polysaccharid-Feuchthalter und Hyaluronsäure binden beide Wasser, unterscheiden sich aber in Aufbau, Ladung und Hautgefühl. Hyaluronsäure ist laut der Übersicht in Microbial Cell Factories ein lineares Molekül aus sich wiederholenden Zuckerbausteinen. Einer dieser Bausteine ist eine Säure, deshalb trägt das Molekül eine negative Ladung. Sie bindet viel Wasser und wird deshalb in Kosmetik vor allem als Feuchtigkeitsspender eingesetzt. Das Xyloglucan aus Tamarindensamen ist dagegen verzweigt und ungeladen. In Pflegeprodukten wird es deshalb weniger als Wasserspeicher im klassischen Sinn eingesetzt, sondern eher als weicher, haftender Film. Im Duo stehen deshalb beide nebeneinander: Hyaluronsäure aus drei Molekülgrössen und Tamarindensamen als einer von fünf Pflanzenextrakten, dazu Biosaccharide Gum-1 aus Fermentation. Welche Stoffe genau in The Duo stecken, ist offen deklariert.

Direkt verglichen wurden die beiden Stoffe bisher vor allem am Auge. Die Übersicht im International Journal of Molecular Sciences zitiert eine offene, randomisierte Studie mit 30 Erwachsenen mit trockenen Augen, die über 90 Tage Augentropfen mit Xyloglucan oder mit Hyaluronsäure verwendeten. Xyloglucan schnitt dabei in einigen subjektiven Bewertungen besser ab. Auf die Gesichtshaut lässt sich das nicht übertragen, es zeigt aber, dass der Pflanzenzucker kein reines Füllmaterial ist.

Feuchthalter Herkunft Aufbau Typisches Hautgefühl
Hyaluronsäure (Sodium Hyaluronate) Bakterielle Fermentation Linear, negativ geladen Frisch, prall, je nach Grösse leicht klebrig
Tamarindensamen (Tamarindus Indica Seed Polysaccharide) Samenkern der Tamarinde Verzweigt, ungeladen Glatt, seidig, leichter Film
Biosaccharide Gum-1 Fermentation Mikrobieller Vielfachzucker Weich, geschmeidig
Glycerin Pflanzliche Fette oder synthetisch Kleines Molekül Neutral bis leicht feucht

Das kleinste Molekül in dieser Reihe ist Glycerin, ein Feuchthalter mit ganz eigener Logik. Wann er mehr bringt als die grossen Zuckerketten, erklärt der Beitrag zu Glycerin in Kosmetik.

Warum kombiniert man pflanzliche Feuchthalter mit Hyaluronsäure?

Man kombiniert pflanzliche Feuchthalter mit Hyaluronsäure, weil verschiedene Moleküle Wasser auf unterschiedliche Weise halten und sich in Textur und Haftung ergänzen. Hyaluronsäure zieht Wasser stark an und sorgt für das pralle Gefühl kurz nach dem Auftragen. Ein haftender Pflanzenzucker wie das Tamarindensamen-Polysaccharid bildet einen gleichmässigen Film, der die Oberfläche glatter wirken lässt. Zusammen ergibt das oft ein ausgewogeneres Hautgefühl als ein einzelner Feuchthalter in hoher Menge, der eher zum Kleben neigen kann.

Wichtig ist dabei die Grenze: Mehr Feuchthalter bedeuten nicht automatisch mehr Feuchtigkeit in der Haut. Alle diese Stoffe arbeiten in den obersten Schichten. Das gilt auch für neuere Trend-Feuchthalter wie Polyglutaminsäure. Fehlt ein abschliessender Schutz aus Lipiden, verdunstet das gebundene Wasser wieder. Spannt deine Haut, obwohl sie eigentlich genug Fett hat, findest du im Beitrag zur dehydrierten Haut die passende Einordnung.

Was ist Biosaccharide Gum-1?

Biosaccharide Gum-1 ist ein Vielfachzucker, der durch Fermentation gewonnen wird und in Pflegeprodukten als Feuchthalter dient. Trotz des Namens ist es kein Pflanzenextrakt, und das «Bio» hat nichts mit einem Biosiegel zu tun. Als Fermentationsprodukt gehört der Stoff in die Nähe der mikrobiellen Exopolysaccharide, also Zuckerketten, die Mikroorganismen nach aussen abgeben. Eine Übersichtsarbeit in Marine Drugs zu bakteriellen Exopolysacchariden in der Hautpflege hält fest, dass Polysaccharide als Feuchthalter ein feuchtes Milieu auf der Haut fördern können, und beschreibt diese Zuckerketten zugleich als Texturgeber. Biosaccharide Gum-1 steht in der Zutatenliste des Duo. Ihm eine eigene Anti-Aging-Wirkung zuzuschreiben, wäre nach der Datenlage zu viel. Seine Aufgabe ist ein weiches Hautgefühl und Wasserbindung an der Oberfläche.

Wenn ein Etikett «pflanzliche Hyaluronsäure» verspricht, kann dahinter Folgendes stecken:

  • Ein Samen-Polysaccharid wie Tamarindus Indica Seed Polysaccharide
  • Ein fermentierter Zucker wie Biosaccharide Gum-1, der streng genommen nicht pflanzlich ist
  • Algen- oder Pilzpolysaccharide, die oft vor allem der Textur dienen
  • Ganz normale, fermentativ hergestellte Hyaluronsäure mit pflanzlich klingendem Werbetext

Für welche Haut sind pflanzliche Feuchthalter besonders interessant?

Pflanzliche Feuchthalter sind besonders interessant für trockene, empfindliche und reife Haut, die Feuchtigkeit braucht, aber auf schwere Texturen oder klebrige Seren ungern reagiert. Der Film aus Tamarindensamen fühlt sich glatt und leicht an und eignet sich deshalb gut für Haut, die nach dem Waschen spannt. Bei Mischhaut sind sie angenehm, weil sie Feuchtigkeit geben, ohne zu fetten. Ähnlich ist es bei Aloe Vera, deren Saft im Duo die Basis beider Produkte bildet. Wenig Sinn ergeben sie als alleinige Pflege für sehr trockene Haut, der vor allem Lipide fehlen.

Wie sich das in der Praxis anfühlen kann, beschreibt Beatrix in ihrer Bewertung auf Judge.me so: «Das Serum fühlt sich sehr angenehm auf der Haut an und hat meine Haut sofort mit Feuchtigkeit versorgt.» Das ist ein persönlicher Eindruck, kein Wirkbeweis für einen einzelnen Stoff. Pflanzliche Feuchthalter sind in solchen Formeln Teamspieler, so wie der Edelweiss-Extrakt eine Formel abrundet, ohne die dosierten Wirkstoffe zu ersetzen.

Wer einen Pflanzen-Feuchthalter in einem Produkt sucht, schaut am besten in die INCI statt auf die Vorderseite. Steht dort weder Tamarindus Indica Seed Polysaccharide noch ein ähnlicher Samen- oder Fermentzucker, ist «pflanzliche Hyaluronsäure» nur ein Werbewort.

Ich hätte das Tamarindensamen-Polysaccharid leicht als «pflanzliche Hyaluronsäure» verkaufen können. Ich habe es nicht getan, weil es nicht stimmt. Im Duo steht Tamarindensamen als einer von fünf Pflanzenextrakten neben Hyaluronsäure aus drei Molekülgrössen, nicht an ihrer Stelle. Dazu kommt Biosaccharide Gum-1 aus Fermentation. Diese Feuchthalter ergänzen sich, und keiner davon kann allein, was eine abgestimmte Pflege mit Lipiden leistet. Deshalb brauchst du auch kein separates Produkt mit «pflanzlicher Hyaluronsäure», wenn deine Pflege die Feuchthalter bereits enthält. Wer selbst nachlesen will, findet die vollständige Liste der Inhaltsstoffe mit jedem einzelnen Stoff, auch denen, die nicht nach Pflanze klingen.

Häufige Fragen

Ist Tamarindenextrakt vegan

Ja, das Polysaccharid aus Tamarindensamen stammt aus dem Samenkern einer Pflanze und ist damit vegan. Ob ein Produkt mit Tamarinde insgesamt vegan ist, hängt aber von allen anderen Zutaten ab. Ein veganer Feuchthalter macht noch keine vegane Creme, und umgekehrt ist auch fermentierte Hyaluronsäure in der Regel tierfrei.

Kann Tamarinde die Haut reizen

Das Polysaccharid aus Tamarindensamen gilt als gut verträglich: Übersichtsarbeiten beschreiben es als bioverträglich, und es wirkt nicht als Säure. Ausgeschlossen ist eine Reaktion trotzdem nie, denn empfindliche Haut kann auf jede Formel reagieren. Teste neue Produkte zuerst an einer kleinen Hautstelle. Bleiben Rötung oder Juckreiz bestehen, lass das von einer Dermatologin oder einem Dermatologen abklären.

Ersetzt Tamarinde Hyaluronsäure

Nein, Tamarinde ersetzt Hyaluronsäure nicht eins zu eins. Beide binden Wasser, aber Hyaluronsäure wirkt stärker als Wasserspeicher, während das Tamarindensamen-Polysaccharid eher als glättender Film arbeitet. In einer guten Formel ergänzen sie sich. Wer bewusst auf Hyaluronsäure verzichten will, bekommt mit Tamarinde ein anderes, nicht dasselbe Hautgefühl.

Ist Tamarinde ein Peeling

Das Samen-Polysaccharid ist kein Peeling. Es löst keine Hornschüppchen, sondern bindet Wasser und bildet einen Film. Die Verwechslung kommt vom Fruchtmus der Tamarinde, das Fruchtsäuren wie Weinsäure enthält. In Kosmetik steht dann meist Tamarindus Indica Fruit Extract in der INCI, nicht Seed Polysaccharide.

Wie erkenne ich pflanzliche Feuchthalter in der INCI

Du erkennst sie an den Pflanzennamen in Kombination mit Begriffen wie Polysaccharide, Gum oder Seed. Typische Beispiele sind Tamarindus Indica Seed Polysaccharide oder Aloe Barbadensis Leaf Juice. Biosaccharide Gum-1 klingt pflanzlich, stammt aber aus Fermentation. Sodium Hyaluronate ist die Hyaluronsäure selbst, egal wie sie beworben wird.

Sind pflanzliche Feuchthalter für reife Haut geeignet

Ja, pflanzliche Feuchthalter passen gut zu reifer Haut, weil sie Feuchtigkeit an der Oberfläche halten und das Hautgefühl glätten. Reife Haut braucht aber meist auch Lipide, weil die eigene Fettproduktion mit den Jahren nachlässt. Ein Feuchthalter allein reicht deshalb selten, erst zusammen mit einer schützenden Creme wird daraus eine vollständige Pflege.

Warum enthält The Duo Tamarindensamen und Hyaluronsäure

Weil die beiden Stoffe Wasser auf unterschiedliche Weise binden und sich im Hautgefühl ergänzen. Hyaluronsäure aus drei Molekülgrössen spendet Feuchtigkeit, das Tamarindensamen-Polysaccharid ergänzt sie mit einem glatten Film, und Biosaccharide Gum-1 kommt als weiterer Feuchthalter dazu. Der Tamarindensamen ist dabei Ergänzung, kein Ersatz. So sind die Feuchthalter in The Duo bewusst aufgebaut.

Quellen

  1. Liu L, Liu Y, Li J, Du G, Chen J. Microbial production of hyaluronic acid: current state, challenges, and perspectives. Microbial Cell Factories, 2011. Quelle
  2. Piqué N, Gómez-Guillén MDC, Montero MP. Xyloglucan, a Plant Polymer with Barrier Protective Properties over the Mucous Membranes: An Overview. International Journal of Molecular Sciences, 2018. Quelle
  3. Raj V, Lee S. State-of-the-art progress on tamarind seed polysaccharide (Tamarindus indica) and its diverse potential applications, a review with insight. Carbohydrate Polymers, 2024. Quelle
  4. Benhadda F, Zykwinska A, Colliec-Jouault S, Sinquin C, Thollas B, Courtois A, et al. Marine versus Non-Marine Bacterial Exopolysaccharides and Their Skincare Applications. Marine Drugs, 2023. Quelle
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Über den Autor: Dominic Bertschin ist Gründer von Kompromisslos und entwickelt minimalistische, vegane Hautpflege für den Schweizer Markt. Jeder Beitrag basiert auf der Arbeit an den eigenen Formulierungen. Mehr über Dominic Bertschin