Glycerin in Kosmetik: gut oder schlecht, und wann es mehr bringt als Hyaluron
WIRKSTOFFE
Glycerin in Kosmetik ist gut, nicht schlecht: Es gehört zu den am längsten verwendeten und am besten untersuchten Feuchthaltern und kommt auch natürlicherweise in deiner Haut vor. Es bindet Wasser in der Hornschicht, macht sie geschmeidiger und unterstützt die Hautbarriere. In üblichen Rezepturen ist es nicht schädlich. Die zwei echten Haken: Unverdünnt fühlt es sich klebrig an, und bei sehr trockener Luft braucht es eine Creme-Schicht darüber, damit die gebundene Feuchtigkeit nicht gleich wieder verdunstet.
Ist Glycerin in Kosmetik gut oder schlecht?
Glycerin ist für fast jede Haut ein guter Inhaltsstoff, und die Studienlage dazu ist ungewöhnlich solide. Chemisch ist es ein dreiwertiger Alkohol, ein kleines Molekül, das Wasser anzieht und festhält. Eine Übersichtsarbeit im British Journal of Dermatology von Fluhr, Darlenski und Surber fasst zusammen, dass Glycerin die Feuchtigkeit der Hornschicht verbessert, die Barrierefunktion und die mechanischen Eigenschaften der Haut stärkt und die Haut vor reizenden Einflüssen schützen kann. Dass es trotzdem einen zweifelhaften Ruf hat, liegt an drei Dingen: am Wort «Alkohol», das an austrocknendes Ethanol erinnert, an der Behauptung, Feuchthalter würden der Haut bei trockener Luft Wasser entziehen, und am Image als billiger Füllstoff.
Das erste ist ein Missverständnis. Glycerin hat mit Alcohol denat. ausser der chemischen Gruppe wenig gemeinsam, es verdunstet nicht und entfettet nicht. Welche Alkohole wirklich austrocknen und welche pflegen, ist ein eigenes Thema, das der Ratgeber zu Alkohol in Kosmetik ordnet. Das zweite ist eine Halbwahrheit, zu der weiter unten mehr steht. Das dritte stimmt sogar: Glycerin ist ein günstiger Rohstoff. Nur sagt der Preis eines Rohstoffs nichts über seine Wirkung, und bei Glycerin ist das Verhältnis von Preis zu Belegen eher aussergewöhnlich gut.
Was macht Glycerin in der Haut?
Glycerin hält Wasser in der obersten Hautschicht fest und macht sie dadurch weicher und elastischer, und es ist kein Fremdstoff: Deine Haut bildet und transportiert es selbst. Wie wichtig dieses körpereigene Glycerin ist, zeigt eine Untersuchung in den Proceedings of the National Academy of Sciences. Hara und Verkman arbeiteten mit Mäusen, denen der Transportkanal Aquaporin-3 fehlt. Ihre Hornschicht enthielt nur ein Drittel so viel Glycerin und ein Drittel so viel Wasser, war weniger elastisch und erholte sich langsamer von Schäden. Bekamen die Tiere Glycerin, aufgetragen oder über den Körper verabreicht, glichen sich diese Unterschiede aus, während ähnliche Stoffe wie Xylit, Erythrit oder Propandiol den Wassergehalt nicht korrigierten. Die Autoren sehen darin eine wissenschaftliche Grundlage für die über 200 Jahre alte Praxis, Glycerin in Hautpflege zu verwenden. Es ist eine Tierstudie, sie erklärt aber gut, warum Glycerin mehr ist als ein Wasserspeicher auf der Oberfläche.
Beim Menschen gibt es dazu passende Daten. Eine Untersuchung in Acta Dermato-Venereologica schädigte die Hautbarriere gezielt, einmal mit Klebeband, einmal mit wiederholtem Waschen mit dem Tensid Natriumlaurylsulfat. An den mit Glycerin versorgten Stellen erholte sich die Barriere schneller, und der Effekt war noch sieben Tage nach Ende der Anwendung messbar. Besonders hilfreich ist Glycerin deshalb, wenn sich deine Haut gespannt und rau anfühlt, ihr also eher Wasser als Fett fehlt. Woran du erkennst, dass deiner Haut eher Wasser als Fett fehlt, beschreibt der Ratgeber zu dehydrierter Haut.
Trocknet Glycerin die Haut bei trockener Luft aus?
Nein, für ein Austrocknen durch Glycerin fehlen belastbare Belege, die vorhandenen Daten deuten eher in die Gegenrichtung. Die Sorge geht so: Ein Feuchthalter ziehe bei trockener Luft Wasser aus tieferen Hautschichten nach oben, wo es verdunstet. Laborbefunde zeigen etwas anderes. Lodén und Wessman verweisen im International Journal of Cosmetic Science auf In-vitro-Studien, in denen Glycerin verhinderte, dass Modell-Lipide der Hornschicht bei niedriger Luftfeuchtigkeit kristallisieren. Eine Arbeit der Universität Lund im European Journal of Pharmaceutical Sciences fand an Hautproben vom Schwein, dass Glycerin unter austrocknenden Bedingungen die Durchlässigkeit der Haut hoch hielt, die sonst durch das Austrocknen sinkt. Wasser, Glycerin und Harnstoff veränderten die Struktur der Hornschicht dabei auf ähnliche Weise. Glycerin übernimmt also einen Teil der Rolle von Wasser, wenn Wasser knapp wird. Passend dazu hält die Übersichtsarbeit im British Journal of Dermatology fest, dass die zusätzliche Feuchtigkeit durch Glycerin gerade dann zählt, wenn trockene und kalte Witterung der Haut zusetzt, etwa bei Trockenheit im Winter.
Der wahre Kern der Sorge liegt woanders: Ein Feuchthalter allein versiegelt nichts. Eine dünne, wasserbasierte Schicht trocknet bei Heizungsluft im Januar, bei Bise oder Föhn schnell ab, und das Spannungsgefühl kommt zurück. In der Studie aus Acta Dermato-Venereologica war die Hautfeuchtigkeit im ersten Versuch dort am höchsten, wo Glycerin zusätzlich luftdicht abgedeckt wurde. Feuchthalter und eine Schicht darüber gehören deshalb zusammen.
An Tagen mit Föhn oder trockener Heizungsluft hilft eine einfache Regel: Ein leichtes, wasserbasiertes Produkt mit Feuchthaltern nie allein stehen lassen, sondern eine Creme darübergeben. So bleibt die gebundene Feuchtigkeit eher in der Haut statt in der Raumluft.
Glycerin oder Hyaluron: was ist besser?
Keiner der beiden Stoffe ist grundsätzlich besser, sie arbeiten an unterschiedlichen Stellen und ergänzen sich. Glycerin ist ein kleines Molekül, das in die Hornschicht eindringt und dort mit dem hauteigenen Feuchtigkeitssystem arbeitet. Hyaluronsäure in Kosmetik besteht aus deutlich grösseren Molekülen, die zu einem grossen Teil an der Oberfläche bleiben und dort Wasser in einem feinen Film halten. Die Frage nach einem Sieger führt deshalb in die Irre. Glycerin ist seit Langem im Einsatz und als Feuchthalter gründlich untersucht, Hyaluron wird dagegen deutlich lauter beworben. Mehr bringt Glycerin vor allem dann, wenn deine Haut rau ist, nach dem Waschen spannt oder die Barriere gestresst ist. Hyaluron sorgt eher für das sofort glatte, pralle Gefühl an der Oberfläche. Was Hyaluron im Detail leistet und wo es aufhört, steht im Ratgeber darüber, was Hyaluron wirklich kann.
| Kriterium | Glycerin | Hyaluronsäure |
|---|---|---|
| Molekül | Klein | Gross, je nach Typ auch kleinere Fragmente |
| Wo es arbeitet | In der Hornschicht | Vor allem an der Oberfläche |
| Kommt in der Haut vor | Ja, als Teil des hauteigenen Feuchtigkeitssystems | Ja, vor allem in tieferen Hautschichten |
| Hautgefühl | In hohen Mengen klebrig | Glatt, leicht filmend |
| Typische Rolle in der Rezeptur | Basis-Feuchthalter | Ergänzender Feuchthalter |
In der Praxis musst du dich nicht entscheiden, die meisten guten Rezepturen kombinieren mehrere Feuchthalter. Im Duo aus Essential Serum und Shield Creme stehen beide: Hyaluronsäure aus drei Molekülgrössen und Glycerin, das auf der Inhaltsstoff-Seite als pflanzlicher Feuchtigkeitsspender geführt ist. Dazu kommen pflanzliche Vielfachzucker aus Tamarindensamen. Wie sich solche pflanzlichen Feuchthalter von Hyaluronsäure unterscheiden, erklärt ein eigener Ratgeber.
Ist Glycerin natürlich oder synthetisch?
Glycerin kann pflanzlich, tierisch oder synthetisch hergestellt sein, und auf der Packung siehst du den Unterschied nicht: In der Inhaltsstoffliste heisst jede Variante schlicht «Glycerin». Pflanzliches Glycerin entsteht bei der Verarbeitung von Ölen und Fetten wie Raps-, Soja-, Kokos- oder Palmöl, ein grosser Teil fällt heute als Nebenprodukt der Biodiesel-Herstellung an. Tierisches Glycerin stammt aus Talg, synthetisches wird petrochemisch aus Propylen gewonnen. Das fertige Molekül ist in allen drei Fällen identisch. Für die Haut zählt deshalb die Reinheit, nicht die Herkunft. Für dein Gewissen kann die Herkunft trotzdem wichtig sein, und da hilft nur die Auskunft des Herstellers oder ein verlässliches Vegan-Label. Warum zweideutige Namen wie Glycerin, Squalane oder Ceramide beim Kauf einer veganen Feuchtigkeitscreme eine Rückfrage wert sind, zeigt der Ratgeber dazu.
Auch das Wort «natürlich» selbst ist auf Kosmetik kein gesetzlich definierter Begriff. Es geht dir damit ähnlich wie mit dem Versprechen von Kosmetik ohne Zusatzstoffe: Verlässlich ist nur die Deklaration, nicht der Werbetext auf der Vorderseite.
Welche Nachteile hat Glycerin?
Glycerin hat wenige, aber echte Nachteile, und keiner davon macht es schädlich. Die meisten betreffen das Hautgefühl oder die Erwartung, nicht die Verträglichkeit. Eine doppelblinde Studie im International Journal of Cosmetic Science zeigt die Grenzen gut: Bei 17 gesunden Probandinnen und Probanden erhöhte eine Creme mit 20% Glycerin nach zehn Tagen die gemessene Hautfeuchtigkeit signifikant, beim Wasserverlust durch die Haut und bei der Empfindlichkeit gegenüber einem reizenden Tensid fanden die Forschenden aber keinen Unterschied zur wirkstofffreien Creme. Glycerin befeuchtet also messbar, dichtet gesunde Haut gegen Wasserverlust aber nicht zusätzlich ab.
- Klebriges Gefühl: Je höher der Anteil, desto eher fühlt sich die Haut leicht klebrig an, vor allem ohne ausgleichende Öle in der Rezeptur.
- Unverdünnt ungeeignet: Reines Glycerin ist sehr zähflüssig und zieht stark Wasser an. Fürs Gesicht ist es in einer fertigen Rezeptur besser aufgehoben.
- Allein zu wenig bei trockener Luft: Ohne Schicht darüber verdunstet die gebundene Feuchtigkeit schneller.
- Herkunft unsichtbar: Ob pflanzlich, tierisch oder synthetisch, verrät die Inhaltsstoffliste nicht.
- Kein Lipidersatz: Bei sehr trockener Haut fehlen meist auch Fette, die Glycerin nicht liefert.
Bei The Duo habe ich mich für zwei Produkte statt acht entschieden und dafür, die Konzentrationen der Hauptwirkstoffe offenzulegen, etwa 5% Niacinamid und 1% Zink PCA. Glycerin gehört nicht zu diesen Hauptwirkstoffen. Es steht als unspektakulärer, gut untersuchter Feuchthalter in unserer Inhaltsstoffliste, eine Prozentzahl nenne ich dafür nicht, und ein grosses Versprechen mache ich daraus auch nicht. Wichtiger ist, wie die beiden Schritte zusammenspielen: zuerst das leichte Serum, danach die Creme mit Ceramiden, Squalan und Jojobaöl als Schicht darüber. Ein Feuchthalter allein bringt dir bei Heizungsluft wenig, wenn nichts darüber liegt. Wunder kann Glycerin keine, das muss es auch nicht. Alle Bestandteile findest du auf unserer Inhaltsstoff-Seite von A bis Z.
Häufige Fragen
Ist Glycerin komedogen
Nein, Glycerin gilt nicht als porenverstopfend. Es ist wasserlöslich und kein Öl, und es wird auch in Pflege für Mischhaut breit eingesetzt. Ob eine Creme bei dir zu Unreinheiten führt, hängt von der ganzen Rezeptur ab, nicht von Glycerin. Warum Listen mit komedogenen Inhaltsstoffen ohnehin nur begrenzt helfen, erklärt der Ratgeber zum Begriff.
Ist Glycerin vegan
Glycerin kann vegan sein, muss es aber nicht. Es wird aus pflanzlichen Ölen, aus tierischem Talg oder synthetisch hergestellt, und die Inhaltsstoffliste unterscheidet das nicht. Sicherheit gibt dir nur ein verlässliches Vegan-Label oder die Auskunft des Herstellers. Steht ein Produkt als vegan deklariert, gilt das auch für das enthaltene Glycerin.
Wie viel Glycerin ist in einer Creme sinnvoll
Eine feste Idealmenge gibt es nicht. In der Studie im International Journal of Cosmetic Science steigerte eine Creme mit 20% Glycerin die Hautfeuchtigkeit messbar, die meisten Alltagscremes liegen darunter, weil höhere Anteile klebrig wirken. Einen groben Hinweis gibt die Position in der Inhaltsstoffliste: Je weiter vorne Glycerin steht, desto mehr steckt im Produkt.
Kann ich reines Glycerin ins Gesicht auftragen
Besser nicht. Reines Glycerin ist zähflüssig, klebt und zieht stark Wasser an, ohne dass etwas die Feuchtigkeit danach hält. In einer fertigen Creme oder einem Serum ist es mit Wasser, Ölen und anderen Feuchthaltern so abgestimmt, dass es angenehm einzieht. Selbst gemischte Rezepturen sind ausserdem schwer sauber und haltbar herzustellen.
Ist pflanzliches Glycerin besser
Für die Haut nicht. Pflanzliches, tierisches und synthetisches Glycerin sind chemisch dasselbe Molekül und wirken gleich, entscheidend ist die Reinheit. Ein Unterschied besteht bei der Frage, ob ein Produkt vegan ist, und bei deinen persönlichen Ansprüchen an die Herkunft der Rohstoffe. Ein Wirkungsvorteil ergibt sich daraus nicht.
Ist Glycerin bei empfindlicher Haut geeignet
Ja, Glycerin gilt als sehr gut verträglich und eignet sich auch für empfindliche Haut. Echte Unverträglichkeiten sind selten. Reagiert deine Haut auf eine Creme mit Brennen oder Rötungen, liegt das häufiger an Duftstoffen oder ätherischen Ölen in derselben Rezeptur. Halten die Beschwerden an, gehört die Abklärung zu einer Dermatologin oder einem Dermatologen.
Enthält The Duo Glycerin
Ja. Glycerin steht in der Inhaltsstoffliste des Duo und wird auf der Inhaltsstoff-Seite als pflanzlicher Feuchtigkeitsspender geführt, eine Prozentangabe gibt es dafür nicht. Es arbeitet dort zusammen mit Hyaluronsäure und Tamarindensamen-Polysacchariden. Ein zusätzliches Glycerin-Produkt brauchst du zu The Duo nicht, die Creme liefert die Schicht darüber gleich mit.
Quellen
- Fluhr JW, Darlenski R, Surber C. Glycerol and the skin: holistic approach to its origin and functions. British Journal of Dermatology, 2008. Quelle
- Hara M, Verkman AS. Glycerol replacement corrects defective skin hydration, elasticity, and barrier function in aquaporin-3-deficient mice. Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, 2003. Quelle
- Fluhr JW, Gloor M, Lehmann L, Lazzerini S, Distante F, Berardesca E. Glycerol accelerates recovery of barrier function in vivo. Acta Dermato-Venereologica, 1999. Quelle
- Lodén M, Wessman W. The influence of a cream containing 20% glycerin and its vehicle on skin barrier properties. International Journal of Cosmetic Science, 2001. Quelle
- Björklund S, Engblom J, Thuresson K, Sparr E. Glycerol and urea can be used to increase skin permeability in reduced hydration conditions. European Journal of Pharmaceutical Sciences, 2013. Quelle
