Polyglutaminsäure: was der Trend-Feuchthalter im Vergleich zu Hyaluron wirklich kann
WIRKSTOFFE
Polyglutaminsäure ist ein Feuchthalter aus Bakterien-Fermentation, der Wasser bindet und auf der Hautoberfläche einen feinen Film bildet, der Feuchtigkeit hält. Das macht sie zu einer brauchbaren Ergänzung für dehydrierte Haut. Der oft gelesene Satz, sie binde viermal mehr Wasser als Hyaluron, ist aber eine Werbeaussage: Studien am Menschen, die beide direkt vergleichen, fehlen. Wenn deine Routine schon Feuchthalter und eine Creme darüber enthält, brauchst du kein zusätzliches Polyglutaminsäure-Serum.
Was ist Polyglutaminsäure und woher kommt sie?
Polyglutaminsäure, kurz PGA oder genauer γ-Polyglutaminsäure, ist eine lange Kette aus der Aminosäure Glutaminsäure, die von Bakterien der Gattung Bacillus gebildet wird. Die Bakterien geben sie bei der Fermentation nach aussen ab, sie ist wasserlöslich und biologisch abbaubar. Bekannt ist der Stoff aus der Küche: Er ist laut einer Arbeit im International Journal of Molecular Sciences die schleimige Substanz im japanischen Natto, also in fermentierten Sojabohnen. Die Sojabohne selbst liefert die Polyglutaminsäure aber nicht, sie entsteht durch das Bakterium. Für Kosmetik wird sie heute gezielt in Fermentationsanlagen hergestellt. Das Molekül ist gross: Je nach Bakterienstamm liegt das Molekulargewicht bei etwa 100 bis 1000 Kilodalton. Ein Übersichtsartikel in Bioresource Technology beschreibt neben vielen anderen Einsatzgebieten schon 2001 die Verwendung als Feuchthalter in Kosmetik. Neu ist der Stoff also nicht, neu ist eher das Marketing rund um ihn.
Was macht Polyglutaminsäure auf der Haut?
Auf der Haut wirkt Polyglutaminsäure in erster Linie als Feuchthalter: Sie zieht Wasser an und bildet wegen ihrer Grösse einen dünnen Film auf der Hornschicht, der die Verdunstung bremst. Tief eindringen kann ein so grosses Molekül nicht, die Wirkung spielt sich an der Oberfläche ab. Das reicht für das, was die meisten von einem Feuchtigkeitsserum erwarten: Die Haut fühlt sich weniger gespannt und glatter an, solange das Produkt aufliegt.
Weitergehende Effekte sind bisher vor allem im Labor gezeigt. Eine Untersuchung im International Journal of Molecular Sciences aus dem Jahr 2025 behandelte Hautzellen und ein im Labor gezüchtetes Hautmodell mit Polyglutaminsäure. In den Zellen stieg die Aktivität von Genen für Barriere-Eiweisse wie Filaggrin und Loricrin sowie für Aquaporin 3, ein Kanalprotein für den Wassertransport. Im Hautmodell zeigte eine Lösung mit 1% Polyglutaminsäure mehr Filaggrin und Involucrin als die Kontrolle. Die Autorinnen und Autoren nennen das Fehlen von Daten am lebenden Menschen selbst eine wesentliche Einschränkung und fordern klinische Studien. Ein Teil des Teams arbeitet zudem für Unternehmen aus der Branche. Das macht die Ergebnisse nicht falsch, aber es sind Hinweise aus der Zellkultur, kein Nachweis für deine Haut.
Bindet Polyglutaminsäure wirklich viermal mehr Wasser als Hyaluron?
Dafür gibt es keinen belastbaren Beleg am Menschen. Die Zahlen, die in Shops und Magazinen kursieren, viermal so viel wie Hyaluron oder ein Vielfaches des Eigengewichts, lassen sich auf Rohstoff- und Herstellerangaben zurückführen, nicht auf Hautmessungen. Sie beschreiben, wie viel Wasser ein Stoff im Glas aufnehmen kann. In der medizinischen Literaturdatenbank PubMed findet sich bisher keine kontrollierte Studie an Menschen, die Polyglutaminsäure und Hyaluronsäure auf der Haut direkt miteinander vergleicht. Wasserbindung im Labor und gemessene Hautfeuchtigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Ein Stoff, der im Becherglas viel Wasser schluckt, sagt noch nichts darüber, wie viel davon nach einem Tag in trockener Heizungsluft in deiner Hornschicht ankommt. Das hängt von der Rezeptur, der Konzentration, der Molekülgrösse und vor allem davon ab, was du darüber aufträgst.
Zum Vergleich: Für Hyaluronsäure gibt es Studien am Menschen. In einer randomisierten Untersuchung im Journal of Drugs in Dermatology trugen 76 Frauen zwischen 30 und 60 Jahren zweimal täglich eine Hyaluron-Creme rund um ein Auge und eine Creme ohne Wirkstoff rund um das andere auf. Nach 60 Behandlungstagen hatten alle Hyaluron-Cremes Hautfeuchtigkeit und Elastizität signifikant stärker verbessert als die Vergleichscreme. Eine solche Studie fehlt für Polyglutaminsäure bisher. Wenn du Werbezahlen einordnen willst, helfen dir vier Fragen:
- Wurde am Menschen gemessen oder im Labor, an Zellen oder im Glas?
- Gab es eine Vergleichsgruppe oder eine unbehandelte Hautseite?
- Wird die Quelle mit Journal und Jahr genannt oder nur «Studien zeigen»?
- Bezieht sich die Zahl auf den reinen Rohstoff oder auf das fertige Produkt, das du kaufst?
Polyglutaminsäure oder Hyaluron: worin unterscheiden sie sich in der Pflege?
Polyglutaminsäure und Hyaluron machen in der Pflege fast dasselbe, sie binden Wasser an der Hautoberfläche, unterscheiden sich aber im Aufbau und vor allem in der Studienlage. Hyaluronsäure ist ein Vielfachzucker, den deine Haut selbst bildet, und für Kosmetik ebenfalls meist durch Fermentation gewonnen wird. Polyglutaminsäure ist eine Kette aus einer Aminosäure und kommt in der Haut so nicht vor. Was Hyaluron in welcher Molekülgrösse leistet und wo seine Grenzen liegen, steht ausführlich im Artikel darüber, was Hyaluron in der Hautpflege wirklich kann.
| Kriterium | Polyglutaminsäure | Hyaluronsäure |
|---|---|---|
| Herkunft | Bakterien-Fermentation (Bacillus) | Kommt in der Haut vor, für Kosmetik meist fermentiert |
| Aufbau | Kette aus Glutaminsäure | Vielfachzucker |
| Molekülgrösse | Gross, bleibt an der Oberfläche | Je nach Rohstoff klein bis sehr gross |
| Wo sie wirkt | Film auf der Hornschicht | Hornschicht, kleinere Formen auch etwas tiefer |
| Studien am Menschen | Kaum, vor allem Labordaten | Mehrere kontrollierte Studien |
| Hautgefühl | Glättend, je nach Menge leicht filmig | Leicht, je nach Menge leicht klebrig |
Im gleichen Regal stehen noch weitere Kandidaten. Wer nach Alternativen zu Hyaluron sucht, landet oft bei pflanzlichen Feuchthaltern wie Tamarindensamen und Biosaccharide Gum-1. Und der günstigste und am längsten untersuchte Kandidat ist bis heute Glycerin als unterschätzter Feuchthalter. Polyglutaminsäure ist also eine Option unter mehreren, kein Ersatz, der die anderen alt aussehen lässt.
Für welche Haut lohnt sich Polyglutaminsäure, und wann kannst du sie dir sparen?
Polyglutaminsäure lohnt sich am ehesten für Haut, der Wasser fehlt, nicht Fett: Sie spannt nach dem Waschen, wirkt fahl und zeigt feine Knitterlinien, obwohl sie vielleicht sogar glänzt. Ob das bei dir der Fall ist, klärt der Artikel dazu, wie du dehydrierte Haut erkennen kannst. Interessant kann sie auch sein, wenn du ein Hyaluron-Produkt als klebrig empfindest und eine andere Textur suchst. Bei sehr trockener, lipidarmer Haut löst sie das Grundproblem dagegen nicht, weil dort Fette in der Barriere fehlen und kein weiterer Wasserbinder. Und tiefe Falten verändert kein Feuchthalter. Was Feuchtigkeit sichtbar machen kann, zeigt sich vor allem bei feinen Linien. Wenn du weisst, wie du Trockenheitsfältchen von Falten unterscheiden kannst, bleiben die Erwartungen realistisch.
Sparen kannst du sie dir, wenn deine Routine schon mindestens einen guten Feuchthalter und eine lipidreiche Schicht darüber hat. Polyglutaminsäure steht nicht in der INCI von The Duo aus Essential Serum und Shield Creme. Das Duo setzt auf andere Feuchthalter und eine Creme mit Lipiden darüber, ein weiterer Feuchthalter ist in so einem Aufbau kein Muss. In ihrer Bewertung auf Judge.me schreibt Simone: «Ich finde es ganz toll, dass man nur 2 Produkte braucht und nicht eine Geschäftlimacherei mit über 10 Seren etc. betrieben wird […]». Bei Neurodermitis oder Ekzemen gehört die Pflege ohnehin mit einer Dermatologin oder einem Dermatologen abgesprochen.
Wie erkennst du Polyglutaminsäure in der INCI und wie wendest du sie an?
In der Zutatenliste erkennst du Polyglutaminsäure an den Bezeichnungen Polyglutamic Acid oder Sodium Polyglutamate, dem Natriumsalz. Sie steht meist eher weit hinten, weil schon kleine Mengen die Textur spürbar verändern. Steht sie ganz am Schluss, hinter Duft- und Konservierungsstoffen, ist sie wahrscheinlich nur in kleiner Menge enthalten. Angewendet wird sie wie ein Feuchtigkeitsserum: nach der Reinigung, auf die Haut, vor der Creme. Mit Hyaluron, Niacinamid oder Vitamin C verträgt sie sich ohne bekannte Probleme, es gibt keinen Grund, Produkte deswegen zeitlich zu trennen. Entscheidend ist der Schritt danach. Ein Feuchthalter ohne Abschluss gibt das gebundene Wasser in trockener Luft schnell wieder ab, deshalb lohnt sich ein Blick darauf, welche Schicht über Feuchthaltern nicht fehlen darf. Mehr als ein wasserbindendes Serum übereinander zu schichten, bringt in der Regel weniger als eine passende Creme.
Wenn sich ein Feuchtigkeitsserum nach dem Eintrocknen spannend anfühlt, liegt das oft weniger am Wirkstoff als daran, dass die Creme zu spät folgt. Trag die Creme auf, solange sich die Haut noch leicht geschmeidig anfühlt.
Polyglutaminsäure steht nicht in der INCI des Duo, und ich sage das hier lieber gleich offen, statt den Artikel so zu schreiben, als wäre sie drin. Die Feuchtigkeit kommt im Duo aus Hyaluronsäure in drei Molekülgrössen, Glycerin, Biosaccharide Gum-1 und dem Polysaccharid aus Tamarindensamen. Darüber halten Ceramide NP, Squalan und Jojobaöl in der Shield Creme diese Feuchtigkeit in der Haut. Zwei Produkte statt acht heisst für mich auch, nicht für jeden neuen Feuchthalter ein eigenes Serum anzubieten. Wenn du schon ein Polyglutaminsäure-Serum hast, spricht nichts dagegen, es weiterzubenutzen. Du brauchst nur keins, damit das Duo funktioniert. Welche Stoffe genau drinstecken, kannst du in der vollständigen Liste der Inhaltsstoffe nachlesen.
Häufige Fragen
Ist Polyglutaminsäure vegan
In der Regel ja. Polyglutaminsäure für Kosmetik wird durch Bakterien der Gattung Bacillus in Fermentation hergestellt, tierische Rohstoffe braucht es dafür nicht. Ob ein konkretes Produkt als Ganzes vegan ist, hängt aber von allen anderen Inhaltsstoffen ab. Verlass dich deshalb auf die Kennzeichnung des Produkts und nicht nur auf den einzelnen Wirkstoff.
Ist Polyglutaminsäure ein Peptid oder eine Säure, die peelt
Weder noch im üblichen Sinn. Polyglutaminsäure ist eine sehr lange Kette aus der Aminosäure Glutaminsäure und wird in der Fachliteratur teils als Polypeptid bezeichnet, wirkt aber nicht wie ein Signalpeptid. Trotz des Wortes Säure löst sie keine Hornschüppchen wie AHA oder BHA. Sie bindet Wasser und bildet einen Film.
Kann ich Polyglutaminsäure und Hyaluronsäure zusammen verwenden
Ja, die beiden vertragen sich problemlos und stecken in manchen Seren sogar gemeinsam. Du kannst sie in einem Schritt kombinieren oder nacheinander auftragen. Einen messbaren Zusatznutzen der Kombination am Menschen haben Studien bisher nicht gezeigt. Wichtiger als die Zahl der Feuchthalter ist eine Creme darüber, die das gebundene Wasser hält.
Kann Polyglutaminsäure die Haut reizen
Selten. Polyglutaminsäure gilt als gut verträglich, ein Übersichtsartikel in Frontiers in Microbiology beschreibt sie als für Menschen unschädlich. Reaktionen sind trotzdem bei jedem Produkt möglich, häufig durch andere Inhaltsstoffe der Rezeptur. Wenn deine Haut empfindlich ist, teste ein neues Serum zuerst ein paar Tage an einer kleinen Stelle, etwa am Kieferrand.
Ersetzt Polyglutaminsäure eine Creme
Nein. Polyglutaminsäure bindet Wasser und bildet einen dünnen Film, liefert aber kaum Lipide. Die fehlen gerade trockener und reifer Haut. Eine Creme mit Fetten und barriereähnlichen Stoffen wie Ceramiden schliesst die Feuchtigkeit ein. Ein Serum mit Polyglutaminsäure ist deshalb ein Schritt vor der Creme, kein Ersatz dafür.
Ist Polyglutaminsäure für reife Haut geeignet
Ja, reife Haut verliert oft leichter Feuchtigkeit und profitiert von Feuchthaltern, Polyglutaminsäure ist dafür eine mögliche Wahl. Sie kann feine Trockenheitslinien vorübergehend glätter wirken lassen. Echte Falten verändert sie nicht, und ihr Nutzen hängt stark davon ab, ob eine reichhaltigere Creme folgt, die Lipide nachliefert.
Brauche ich ein Polyglutaminsäure-Serum, wenn ich The Duo benutze
Nein. Polyglutaminsäure ist nicht im Duo enthalten, aber das Duo bringt bereits mehrere Feuchthalter mit, darunter Hyaluronsäure in drei Molekülgrössen und Glycerin, und schliesst sie mit der Creme ab. Hast du schon ein Polyglutaminsäure-Serum, kannst du es vor dem Duo aus Serum und Creme auftragen. Nötig ist es nicht.
Quellen
- Ko HJ, Park S, Shin E, Kim J, Lee GS, Lee YJ, et al. Poly-γ-Glutamic Acid from a Novel Bacillus subtilis Strain: Strengthening the Skin Barrier and Improving Moisture Retention in Keratinocytes and a Reconstructed Skin Model. International Journal of Molecular Sciences, 2025. Quelle
- Shih IL, Van YT. The production of poly-(gamma-glutamic acid) from microorganisms and its various applications. Bioresource Technology, 2001. Quelle
- Elbanna K, Alsulami FS, Neyaz LA, Abulreesh HH. Poly (γ) glutamic acid: a unique microbial biopolymer with diverse commercial applicability. Frontiers in Microbiology, 2024. Quelle
- Pavicic T, Gauglitz GG, Lersch P, Schwach-Abdellaoui K, Malle B, Korting HC, et al. Efficacy of cream-based novel formulations of hyaluronic acid of different molecular weights in anti-wrinkle treatment. Journal of Drugs in Dermatology, 2011. Quelle
