Mineralöl in Kosmetik: wie schädlich Paraffin wirklich ist und was an MOAH dran ist
NATURKOSMETIK
Mineralöl in Kosmetik ist nach heutigem Wissensstand nicht schädlich, solange es hochraffiniert ist, und nur solches darf in Kosmetik verwendet werden. Paraffinum Liquidum und Vaseline bleiben weitgehend in der obersten Hornschicht und gelangen nach den vorliegenden Studien nicht in den Körper. Die Kritik hat dort Substanz, wo es um aromatische Verunreinigungen (MOAH) und um Produkte geht, die verschluckt werden, also vor allem Lippenpflege. Im Gesicht ist Mineralöl deshalb eher eine Frage von Hautgefühl und Herkunft als von Gift.
Ist Mineralöl in Kosmetik schädlich?
Nein, hochraffiniertes Mineralöl in Kosmetik gilt nach den vorliegenden Daten bei der Anwendung auf der Haut nicht als schädlich. Mineralöle und Mineralwachse sind Gemische aus überwiegend gesättigten Kohlenwasserstoffen, die aus Erdöl gewonnen und für den Einsatz in Kosmetik aufwendig gereinigt werden. Eine Übersichtsarbeit in Toxicology Letters hat 13 Studien an Menschen, Tieren und Hautmodellen zur Hautaufnahme ausgewertet. Der grösste Teil blieb an der Hornschicht haften, nur ein kleiner Anteil erreichte tiefere Hautschichten, und es fand sich kein Hinweis darauf, dass Mineralöle über die Haut in den Körper gelangen. Eine zweite Übersicht im Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology kommt zum selben Schluss und verweist auf die lange Verwendungsgeschichte, die durch klinische und epidemiologische Daten gestützt sei.
Zur ehrlichen Einordnung gehört, wer diese Arbeiten geschrieben hat: Die Autorinnen und Autoren der ersten Übersicht arbeiten grösstenteils für Kosmetikhersteller und deren Verband, der Erstautor der zweiten für einen Kosmetikkonzern. Das macht die Daten nicht falsch, aber es erklärt, warum kritische Stimmen genauer hinschauen. Wenn das Wort «schädlich» trotzdem hängen bleibt, vermischen sich meist drei Dinge: Verunreinigungen in technischen Mineralölen, das Verschlucken bei Lippenpflege und das Hautgefühl unter einer dichten Fettschicht. Nur die ersten beiden sind Sicherheitsfragen.
Was ist MOAH und warum gibt es Kritik?
MOAH steht für «mineral oil aromatic hydrocarbons», also aromatische Kohlenwasserstoffe aus Mineralöl, und die Kritik daran stammt vor allem aus der Lebensmittelsicherheit. Mineralöl besteht grob aus zwei Fraktionen: den gesättigten Kohlenwasserstoffen, abgekürzt MOSH, und den aromatischen, abgekürzt MOAH. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA hat 2023 ihre Risikobewertung zu Mineralöl in Lebensmitteln aktualisiert. Für MOSH kam das zuständige Gremium zum Schluss, dass die heutige Aufnahme über die Nahrung für keine Altersgruppe ein Gesundheitsrisiko darstellt. Bei MOAH fällt das Urteil anders aus: Erbgutschädigende und krebserregende Eigenschaften werden mit MOAH mit drei oder mehr aromatischen Ringen in Verbindung gebracht, und für die Aufnahme über die Nahrung sah die EFSA eine mögliche gesundheitliche Bedenklichkeit. Zu MOAH mit einem oder zwei Ringen fehlen laut EFSA toxikologische Daten.
Diese Bewertung betrifft, was du isst, nicht was auf deiner Haut bleibt. Für Kosmetik ist sie trotzdem wichtig, weil sie zeigt, warum die Reinigung des Rohstoffs entscheidend ist. In der EU dürfen Mineralöle in Kosmetik nur eingesetzt werden, wenn sie die Reinheitsvorgaben zu polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen aus dem Europäischen Arzneibuch und der EU-Kosmetikverordnung erfüllen. Die Raffination soll Stoffe mit krebserregendem Potenzial ausschliessen und den MOAH-Anteil minimieren. Minimieren heisst nicht null, und genau an diesem Punkt setzt die berechtigte Kritik an. Sie zielt auf Verunreinigungen, nicht auf den gereinigten Kosmetikrohstoff an sich.
Woran erkennst du Mineralöl in der INCI?
Mineralöl erkennst du in der INCI an Namen wie Paraffinum Liquidum, Mineral Oil, Petrolatum, Paraffin, Cera Microcristallina, Ozokerite und Ceresin. Die INCI ist die Liste der Inhaltsstoffe auf der Verpackung, sortiert nach Menge: Was weit vorne steht, macht einen grossen Teil der Rezeptur aus. Steht Paraffinum Liquidum an zweiter oder dritter Stelle, ist Mineralöl ein Hauptbestandteil. Steht ein Wachs wie Cera Microcristallina weit hinten, gibt es dem Produkt vor allem Festigkeit. Wie viel MOAH ein Produkt enthält, siehst du in der INCI allerdings nicht, denn die Liste nennt den Rohstoff, nicht seinen Reinheitsgrad. Die folgende Übersicht ist deshalb eine Liste der Bezeichnungen, kein Urteil über das einzelne Produkt.
| INCI-Bezeichnung | Was es ist | Typisch in |
|---|---|---|
| Paraffinum Liquidum, Mineral Oil | Flüssiges, gereinigtes Mineralöl | Körperlotionen, Reinigungsöle, Babyöle |
| Petrolatum | Vaseline, halbfestes Gemisch aus Mineralöl und Wachsen | Salben, Wundschutz- und Lippenpflege |
| Paraffin, Cera Microcristallina | Feste Wachse aus Erdöl | Lippenstifte, Balsame, festere Cremes |
| Ozokerite, Ceresin | Mineralische Wachse | Stifte, Mascara, Balsame |
| Hydrogenated Polyisobutene, Polybutene | Synthetische Kohlenwasserstoffe, kein Mineralöl im engeren Sinn | Lipgloss, Cremes |
Nicht in diese Liste gehören Silikone wie Dimethicone. Sie stammen ebenfalls nicht aus Pflanzen, sind chemisch aber etwas anderes, deshalb haben sie einen eigenen Beitrag zu Silikonen in Kosmetik. Und Mineralöl ist tierfrei: Wer vegane Gesichtspflege sucht, findet Paraffin deshalb auch in veganen Produkten. Vegan sagt etwas über tierische Rohstoffe, nicht über Erdöl. Auch der Hinweis «ohne Mineralöl» auf der Vorderseite ersetzt den Blick in die INCI nicht, ebenso wenig wie ein Siegel. Wie du eine Marke ohne Siegel selbst prüfst, zeigt der Beitrag zu Naturkosmetik ohne Siegel Schritt für Schritt.
Ist Mineralöl in Lippen- und Babypflege anders zu bewerten?
Ja, Lippenpflege ist der Bereich, in dem die Kritik am meisten Substanz hat, weil ein grosser Teil des Produkts verschluckt wird. Das Kantonale Laboratorium Basel-Stadt und die amtliche Lebensmittelkontrolle des Kantons Zürich haben zwischen 2012 und 2014 insgesamt 175 Lippenprodukte vom Schweizer Markt untersucht, veröffentlicht im International Journal of Cosmetic Science. Etwa 68 Prozent enthielten mindestens 5 Prozent gesättigte Kohlenwasserstoffe aus Mineralöl oder synthetischer Herkunft, etwa 31 Prozent sogar mehr als 32 Prozent. Einige dieser Kohlenwasserstoffe reichern sich im menschlichen Gewebe an. Die Autoren folgern, dass Lippenprodukte deutlich weniger als 5 Prozent davon enthalten sollten. Die Übersicht im Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology hält dagegen: Der Branchenverband Cosmetics Europe empfiehlt Herstellern, nur Fraktionen zu verwenden, für die eine akzeptierte tägliche Aufnahmemenge aus dem Lebensmittelbereich gilt, und die über Lippenpflege verschluckte Menge liege unter 10 Prozent dieses Werts. Beide Sichtweisen stehen nebeneinander, eine Seite aus der amtlichen Kontrolle, die andere aus der Industrie.
Für Babypflege gilt dieselbe Logik. Auf der Haut bleibt Mineralöl weitgehend in der Hornschicht, relevant wird es dort, wo Produkt über Hände oder Gesicht in den Mund gelangt. Eigene Daten speziell zu Babyhaut liefern die zitierten Arbeiten nicht. Bei Rötungen, Ausschlag oder nässenden Stellen gehört die Abklärung zur Kinderärztin oder zum Kinderarzt, nicht ins Pflegeregal.
Wenn du Lippenbalsam viele Male am Tag aufträgst, ist das der Ort, an dem sich ein Wechsel am ehesten lohnt. Ein Balsam auf Basis pflanzlicher Wachse und Öle ist die einfachste Lösung, ohne dass du den Rest deiner Pflege umstellen musst.
Warum setzen viele Marken auf pflanzliche Öle?
Viele Marken setzen auf pflanzliche Öle, weil diese mehr mitbringen als einen Schutzfilm, weil Kundinnen danach fragen und weil sie aus nachwachsenden Rohstoffen stammen, nicht weil Mineralöl gefährlich wäre. Mineralöl ist chemisch träge: Es legt sich auf die Haut und bremst die Verdunstung. Eine Übersichtsarbeit im International Journal of Cosmetic Science beschreibt, dass es Weichheit und Barrierefunktion der Haut stärker verbessert als manche andere Pflegelipide und den Wasserverlust über die Haut senkt. Pflanzliche Öle liefern zusätzlich Fettsäuren, Pflanzensterole oder Vitamin E. Jojobaöl ist sogar ein flüssiger Wachsester und zieht ohne schweren Film ein.
Pflanzlich heisst aber nicht automatisch verträglicher. Pflanzliche Öle können oxidieren und ranzig werden, und anders als hochraffiniertes Mineralöl können sie Allergien auslösen, darauf weist auch die Übersicht im Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology hin. Der Unterschied liegt deshalb weniger in der Sicherheit als im Hautgefühl. The Duo aus Serum und Creme setzt auf Jojobaöl, Squalan, Sonnenblumenöl, Krambeöl und hydriertes Rapsöl und enthält laut INCI kein Mineralöl, kein Paraffin und keine Vaseline. In einer Bewertung auf Judge.me schreibt D.Sch dazu: «Das Produkt fühlt sich angenehm leicht auf der Haut an, zieht schnell ein und hinterlässt kein fettiges oder schweres Gefühl.»
Was sagen Behörden zur Sicherheit von Mineralöl in Kosmetik?
Regulatorisch gilt hochraffiniertes Mineralöl in Kosmetik als zulässiger Rohstoff, sofern es die Reinheitsvorgaben aus dem Europäischen Arzneibuch und der EU-Kosmetikverordnung erfüllt. Die Bedenken der EFSA beziehen sich auf Lebensmittel, in denen Mineralöl ungewollt landet, etwa über Verpackungen oder bei der Verarbeitung, und nicht auf gereinigte Kosmetikrohstoffe. Dass Schweizer Kontrollbehörden trotzdem Lippenprodukte untersuchen, zeigt, wo sie hinschauen: dort, wo Kosmetik zur Nahrung wird. Getrennt nach Gewissheit sieht das Bild so aus:
- Gut belegt: Hochraffinierte Mineralöle gelangen über die Haut nach den vorliegenden Studien nicht in den Körper.
- Gut belegt: In Lebensmitteln sieht die EFSA bei MOSH in der heutigen Aufnahmemenge kein Gesundheitsrisiko, bei MOAH mit drei oder mehr Ringen eine mögliche Bedenklichkeit.
- Umstritten: Wie viel Mineralöl in Lippenprodukten vertretbar ist, bewerten Kontrolllabore und Industrie unterschiedlich.
- Offen: Zu MOAH mit einem oder zwei Ringen fehlen toxikologische Daten.
Diese Einteilung hilft auch bei anderen Stoffen, die online als gefährlich gelten. Wie du solche Listen generell prüfst, steht im Beitrag zu bedenklichen Inhaltsstoffen in Kosmetik.
In The Shield stecken Jojobaöl und Squalan als Lipide, kein Paraffin und keine Vaseline. Das war keine Entscheidung aus Angst. Hochraffiniertes Mineralöl ist zugelassen, und ich werde dir nicht erzählen, es sei Gift. Ich wollte eine Creme, die schnell einzieht und sich nicht wie ein Film auf der Haut anfühlt, und dafür passten Jojobaöl und Squalan besser zu meiner Vorstellung als ein Paraffin-Grundgerüst. Dazu kommt die Herkunft: Die Öle im Duo, etwa Jojoba-, Sonnenblumen- und Krambeöl, stammen aus Pflanzen, nicht aus der Erdölraffination. Die Grenze dieser Entscheidung ist klar: Eine Vaseline-Salbe dichtet stärker ab als unsere Creme. Wenn deine Haut im Winter mehr braucht, kann abends ein zusätzliches Öl sinnvoll sein. Was genau drin ist, findest du vollständig bei den Inhaltsstoffen von A bis Z.
Häufige Fragen
Ist Vaseline Mineralöl
Ja, Vaseline ist ein Mineralölprodukt. In der INCI heisst sie Petrolatum und besteht aus einem halbfesten Gemisch aus gereinigten Kohlenwasserstoffen, die aus Erdöl gewonnen werden. Für Kosmetik und Arzneimittel wird sie wie flüssiges Paraffin hochgereinigt. Sie bildet eine dichtere Schicht als flüssiges Mineralöl und wird deshalb vor allem in Salben und Lippenpflege eingesetzt.
Verstopft Paraffin die Poren
Ob Paraffin Poren verstopft, lässt sich nicht pauschal sagen, entscheidend sind die fertige Rezeptur und deine Haut, nicht der einzelne Rohstoff. Warum Einstufungslisten dabei wenig taugen, erklärt der Beitrag dazu, was komedogen bedeutet. Wer Vaseline über Nacht als Schicht nutzt, findet mehr dazu im Beitrag über Slugging.
Sind pflanzliche Öle verträglicher als Mineralöl
Nicht automatisch. Hochraffiniertes Mineralöl ist chemisch stabil und löst praktisch keine Allergien aus, pflanzliche Öle können oxidieren und bei manchen Menschen Reaktionen hervorrufen. Dafür bringen sie Fettsäuren und Begleitstoffe mit, die Mineralöl nicht hat. Welche Lipide du besser verträgst, zeigt am ehesten deine eigene Haut über einige Wochen.
Ist Mineralöl in Naturkosmetik erlaubt
In zertifizierter Naturkosmetik ist Mineralöl nicht erlaubt, die gängigen Standards schliessen Rohstoffe aus Erdöl wie Paraffin und Vaseline aus. Der Begriff Naturkosmetik ist ohne Siegel aber nicht geschützt. Verlass dich deshalb auf die INCI: Stehen dort Paraffinum Liquidum, Petrolatum oder Cera Microcristallina, enthält das Produkt Mineralöl.
Trocknet Mineralöl die Haut aus
Nein, Mineralöl trocknet die Haut nicht aus. Es legt sich auf die Hornschicht und bremst den Wasserverlust, das ist in Messungen gut dokumentiert. Die Behauptung, die Haut werde unter Mineralöl «faul» und produziere weniger eigene Fette, ist nicht belegt. Wer sich unter Mineralöl unwohl fühlt, reagiert meist auf das schwere Hautgefühl, nicht auf Austrocknung.
Ist Mineralöl schlecht für die Umwelt
Mineralöl ist ein Produkt der Erdölraffination und damit ein fossiler Rohstoff, das ist der stärkste Umwelteinwand. Pflanzliche Öle wachsen nach, haben aber über Anbau, Flächenbedarf und Transport einen eigenen Fussabdruck. Eine pauschale Antwort gibt es deshalb nicht. Wenn dir die Herkunft wichtig ist, ist der Verzicht auf fossile Rohstoffe ein nachvollziehbares Kriterium.
Enthält The Duo Mineralöl
Nein. In der INCI von The Duo stehen weder Paraffinum Liquidum noch Petrolatum oder Mineralwachse. Als Lipide stecken unter anderem Jojobaöl, Squalan, Sonnenblumenöl, Krambeöl und hydriertes Rapsöl darin. Das ist eine Entscheidung für ein leichtes Hautgefühl, nicht gegen einen gefährlichen Stoff. Die vollständige Zusammensetzung findest du beim Duo aus Serum und Creme.
Quellen
- Petry T, Bury D, Fautz R, Hauser M, Huber B, Markowetz A, et al. Review of data on the dermal penetration of mineral oils and waxes used in cosmetic applications. Toxicology Letters, 2017. Quelle
- Chuberre B, Araviiskaia E, Bieber T, Barbaud A. Mineral oils and waxes in cosmetics: an overview mainly based on the current European regulations and the safety profile of these compounds. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology, 2019. Quelle
- EFSA Panel on Contaminants in the Food Chain (CONTAM), Schrenk D, Bignami M, Bodin L, Del Mazo J, Grasl-Kraupp B, et al. Update of the risk assessment of mineral oil hydrocarbons in food. EFSA Journal, 2023. Quelle
- Niederer M, Stebler T, Grob K. Mineral oil and synthetic hydrocarbons in cosmetic lip products. International Journal of Cosmetic Science, 2016. Quelle
- Rawlings AV, Lombard KJ. A review on the extensive skin benefits of mineral oil. International Journal of Cosmetic Science, 2012. Quelle
