Naturkosmetik ohne Siegel: woran du Qualität trotzdem erkennst

INHALTSSTOFFE UND VERTRAUEN

Naturkosmetik ohne Siegel ist nicht automatisch schlechter als zertifizierte. Siegel sind private Standards, kein Gesetz. Verbindlich ist in der Schweiz die Kennzeichnung nach VKos: vollständige Ingredients-Liste, verantwortliche Person, keine Heilaussagen. Prüfbar wird eine Marke dort, wo sie Inhaltsstoffe und Konzentrationen offenlegt, nicht dort, wo sie ein Logo trägt.

Warum manche Marken bewusst kein Naturkosmetik-Siegel tragen

Ein fehlendes Siegel hat meistens einen von drei Gründen: Kosten, Sortimentsgrösse oder eine bewusste Formulierungsentscheidung. Zertifizierungen wie COSMOS oder NATRUE sind private Standards, für die eine Marke Gebühren, Audits und laufende Dokumentation trägt. Bei einem Label mit zwei Produkten steht dieser Aufwand in einem anderen Verhältnis als bei einem Konzern mit hundert Artikeln. Der dritte Grund wird selten offen genannt: Manche Standards schliessen Rohstoffe aus, die im Labor stabilisiert wurden, deren Wirkung aber gut untersucht ist. Wer solche Rohstoffe einsetzt, bekommt das Siegel nicht, selbst wenn der Rest der Rezeptur pflanzlich ist. Ein fehlendes Logo sagt dir also, dass eine Marke einen bestimmten privaten Standard nicht erfüllt oder nicht bezahlt hat. Es sagt dir nichts darüber, ob ein Produkt sicher ist, vollständig deklariert ist oder zu deiner Haut passt. Diese drei Fragen beantwortest du über die Inhaltsstoffliste. Welche Naturkosmetik-Siegel in der Schweiz überhaupt eine Aussagekraft haben, ist ein eigenes Thema.

Was in der Schweiz gesetzlich gilt, mit oder ohne Siegel

Jedes kosmetische Mittel, das in der Schweiz verkauft wird, muss dieselben Pflichtangaben tragen, unabhängig von jeder Zertifizierung. Nach Artikel 8 der Verordnung über kosmetische Mittel muss die Liste der Bestandteile unter dem Begriff Ingredients in mengenmässig absteigender Reihenfolge auf der Verpackung stehen. Bestandteile unter einem Massenprozent dürfen am Ende in beliebiger Reihenfolge stehen. Dazu kommen Verwendungszweck, Chargennummer, Haltbarkeit sowie Name und Adresse der verantwortlichen Person. Hinweise auf eine heilende, lindernde oder vorbeugende Wirkung sind bei Gebrauchsgegenständen verboten. Welche Stoffe überhaupt zulässig sind, regelt Artikel 54 der Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung, der auf die Anhänge der europäischen Kosmetikverordnung verweist: Anhang II listet die verbotenen Stoffe, Anhang III die nur eingeschränkt zulässigen. Diese Grenzen gelten für die zertifizierte Creme genauso wie für die nicht zertifizierte. Ein Siegel hebt den gesetzlichen Rahmen nicht an, es setzt zusätzliche private Regeln obendrauf.

Was ein Siegel prüft und was es nicht prüft

Ein Siegel prüft die Herkunft und den Anteil der Rohstoffe, nicht die Wirksamkeit und nicht die Verträglichkeit für deine Haut. Zertifizierungssysteme legen fest, welcher Anteil der Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs sein muss, welche Verarbeitungsschritte erlaubt sind und auf welche gesetzlich zugelassenen Stoffe zusätzlich verzichtet wird. Was sie nicht prüfen: ob ein Wirkstoff in einer sinnvollen Konzentration enthalten ist, ob die Kombination im Produkt funktioniert und ob dein Hautzustand darauf gut reagiert. Auch die internationale Norm ISO 16128, die Definitionen für natürliche und biologische kosmetische Inhaltsstoffe liefert, ist kein Siegel. Sie stellt eine Berechnungsmethode bereit und regelt ausdrücklich keine Werbeaussagen und keine Kennzeichnung. Eine Marke kann also einen hohen Natürlichkeitsindex ausweisen und trotzdem kein Logo tragen. Die folgende Übersicht zeigt, welche Prüfpunkte woher kommen und welche du selbst nachvollziehen kannst.

Prüfpunkt Gesetzlich vorgeschrieben (CH) Über ein Siegel geregelt Selbst prüfbar
Vollständige Ingredients-Liste Ja, nach Artikel 8 VKos Ja Ja, auf Verpackung und Produktseite
Verbotene Stoffe ausgeschlossen Ja, über Artikel 54 LGV Ja Nur indirekt über die INCI-Liste
Anteil natürlicher Rohstoffe Nein Ja, je nach Standard unterschiedlich Nein
Verzicht auf erlaubte Stoffe wie Silikone Nein Ja Ja, an den INCI-Namen erkennbar
Konzentration der Wirkstoffe Nein Nein Nur wenn die Marke sie nennt
Keine Heilaussagen in der Werbung Ja, nach Artikel 47 LGV Nein Ja, an der Produktsprache

Fünf Punkte, an denen du eine Marke ohne Siegel selbst prüfst

Ohne Siegel prüfst du eine Marke an dem, was sie freiwillig offenlegt, und daran, wie präzise sie es tut. Die Reihenfolge unten ist nach Aussagekraft sortiert: Der erste Punkt trennt die meisten Marken bereits sauber, der letzte ist nur noch Feinschliff. Entscheidend ist dabei nicht, ob eine Marke schön formuliert, sondern ob sie sich festlegt. Vage Attribute wie hochwirksam oder dermatologisch inspiriert kosten nichts und binden niemanden. Eine Zahl bindet. Wenn eine Marke schreibt, wie viel Prozent eines Wirkstoffs enthalten sind, kann sie daran gemessen werden. Wenn sie stattdessen nur schreibt, dass ein Wirkstoff enthalten ist, kann das ein Tropfen sein. Diese Unterscheidung ist der wichtigste Filter, den du ohne Labor hast. Ergänzend hilft dir die vollständige Übersicht der Inhaltsstoffe eines Produkts, weil du dort die Reihenfolge der Liste mit den genannten Prozentwerten abgleichen kannst.

  1. Nennt die Marke Konzentrationen, oder nur Wirkstoffnamen? Prozentangaben sind freiwillig und deshalb ein starkes Signal.
  2. Steht die vollständige INCI-Liste online, nicht nur eine Auswahl der schönen Inhaltsstoffe?
  3. Ist eine verantwortliche Person mit Adresse benannt, und ist sie erreichbar?
  4. Bleibt die Produktsprache kosmetisch, oder rutscht sie in Heilversprechen ab? Letzteres ist gesetzlich unzulässig und ein Warnzeichen.
  5. Gibt es eine Rückgabemöglichkeit, die lange genug ist, um die Verträglichkeit wirklich zu testen?

Beim Duo aus Serum und Creme findest du für jeden dieser fünf Punkte eine Antwort auf der Produktseite, inklusive der Prozentwerte und der 100 Tage Rückgabefrist. Dieselbe Prüflogik funktioniert auch bei der Frage, was der Begriff ohne Zusatzstoffe konkret abdeckt, und bei Aussagen zu tierversuchsfreier Kosmetik in der Schweiz.

Wann ein Siegel für dich die bessere Entscheidungshilfe ist

Ein Siegel ist die bessere Entscheidungshilfe, wenn du weder Zeit noch Lust hast, INCI-Listen zu lesen, und wenn dir ein bestimmter Ausschluss wichtiger ist als die Wirkstoffdichte. Genau dafür sind Zertifizierungen gemacht: Sie bündeln viele Einzelentscheidungen in ein Symbol. Wenn du grundsätzlich keine synthetisch hergestellten Inhaltsstoffe im Gesicht möchtest, unabhängig davon, wie gut sie untersucht sind, dann liefert dir ein strenges Naturkosmetik-Siegel diese Sicherheit schneller als jede Produktbeschreibung. Auch bei Geschenken oder beim Einkauf im Regal ohne Internetzugang ist ein Logo praktisch. Ich sage bewusst dazu: In diesem Fall ist ein zertifiziertes Produkt für dich die richtigere Wahl, auch wenn es nicht meines ist. Wenn dir dagegen wichtig ist, welcher Wirkstoff in welcher Menge auf deiner Haut landet, kommst du mit der Zutatenliste weiter. Wie sich beide Wege unterscheiden, zeigt auch die Frage, woran du nachhaltige Naturkosmetik wirklich erkennst.

Wann du statt zu neuer Pflege zur Fachperson gehst

Kosmetik pflegt gesunde Haut, sie ersetzt keine Abklärung. Wenn deine Haut über Wochen nässt, blutet, stark schuppt, sich grossflächig verändert oder wenn Rötungen und Schwellungen zunehmen statt abzunehmen, gehört das in dermatologische Hände. Dasselbe gilt bei einem Muttermal, das Form, Farbe oder Grösse ändert, und bei jeder Hautreaktion, die mit Fieber oder Atembeschwerden zusammenfällt. In diesen Fällen ist die Frage nach Siegel oder kein Siegel nicht die richtige Frage. Auch bei einer diagnostizierten Hauterkrankung entscheidet die behandelnde Fachperson, welche Pflege begleitend sinnvoll ist. Ein kosmetisches Produkt darf und soll das Hautbild unterstützen, es behandelt aber nichts. Diese Grenze ist in der Schweiz nicht nur eine Frage des Anstands, sondern gesetzlich gezogen: Hinweise auf eine heilende oder lindernde Wirkung sind bei kosmetischen Mitteln untersagt. Wer sie trotzdem verwendet, verrät dir mehr über sein Marketing als über sein Produkt.

Ich habe bei Kompromisslos bewusst kein Naturkosmetik-Siegel angestrebt, und ich sage dir auch, warum. Das Duo enthält 2% Vitamin C als 3-O-Ethyl-Ascorbinsäure. Diese Form ist stabiler als reine Ascorbinsäure, sie wird im Labor hergestellt, und genau daran scheitert sie an den strengen Naturkosmetik-Standards. Ich hätte sie streichen und dafür ein Logo bekommen können. Ich habe mich für den Wirkstoff entschieden und dafür, jede Konzentration offen zu nennen: 5% Niacinamid, 2% Hyaluronsäure, 0.3% Bakuchiol. Ein Siegel hätte dir eine Kategorie gegeben. Die Zahlen geben dir etwas, das du selbst nachrechnen kannst.

Häufige Fragen

Ist Naturkosmetik ohne Siegel weniger sicher?

Nein. Die Sicherheitsanforderungen sind gesetzlich geregelt und gelten für jedes kosmetische Mittel gleich, mit oder ohne Zertifizierung. Verbotene und eingeschränkte Stoffe sind in den Anhängen der europäischen Kosmetikverordnung festgelegt, auf die das Schweizer Recht verweist. Für jedes Produkt muss zudem ein Sicherheitsbericht vorliegen, bevor es verkauft werden darf.

Warum verzichten manche Schweizer Marken bewusst auf ein Siegel?

Weil bestimmte Wirkstoffe die Zertifizierung ausschliessen. Stabilisierte Vitamin-C-Formen wie 3-O-Ethyl-Ascorbinsäure werden im Labor hergestellt und erfüllen strenge Naturkosmetik-Standards nicht. Eine Marke muss sich dann entscheiden: Wirkstoff behalten oder Logo bekommen. Dazu kommen laufende Kosten für Audits und Dokumentation, die bei kleinen Sortimenten stark ins Gewicht fallen.

Was sagt die Norm ISO 16128 über Naturkosmetik aus?

Die ISO 16128 liefert Definitionen und eine Berechnungsmethode für den Anteil natürlicher und biologischer Inhaltsstoffe. Sie ist eine technische Leitlinie, kein Prüfzeichen und keine Zertifizierung. Werbeaussagen und Kennzeichnung regelt sie ausdrücklich nicht. Ein hoher Natürlichkeitsindex nach dieser Norm ist deshalb kein Ersatz für die Prüfung der Inhaltsstoffliste.

Woran erkenne ich ohne Siegel, ob ein Produkt vegan ist?

An der Ingredients-Liste. Tierische Rohstoffe tragen erkennbare INCI-Namen wie Lanolin, Mel für Honig, Cera Alba für Bienenwachs oder Collagen. Fehlen diese Einträge vollständig, ist das Produkt in der Zusammensetzung vegan. Achte zusätzlich darauf, ob die Marke die Angabe für alle Produkte macht oder nur für einzelne.

Ist ein fehlendes Siegel ein Hinweis auf Greenwashing?

Nicht automatisch. Greenwashing erkennst du an vagen Begriffen ohne Beleg, nicht am fehlenden Logo. Typische Warnzeichen sind Naturbilder ohne Zahlen, Wirkversprechen ohne Konzentrationsangabe und Formulierungen, die eine heilende Wirkung andeuten. Eine Marke, die Prozentwerte nennt und die vollständige Liste offenlegt, macht das Gegenteil von Greenwashing.

Muss eine Marke die Konzentration ihrer Wirkstoffe angeben?

Nein. Vorgeschrieben ist nur die Liste der Bestandteile in mengenmässig absteigender Reihenfolge, wobei Bestandteile unter einem Massenprozent am Ende in beliebiger Reihenfolge stehen dürfen. Prozentangaben sind freiwillig. Genau deshalb sind sie aussagekräftig: Eine Marke, die sich auf 5% Niacinamid festlegt, macht sich überprüfbar.

Was muss in der Schweiz zwingend auf der Verpackung stehen?

Die Liste der Bestandteile unter dem Begriff Ingredients, der Verwendungszweck, die Chargennummer, Angaben zur Haltbarkeit sowie Name und Adresse der verantwortlichen Person. Fehlt eine dieser Angaben, ist das Produkt nicht regelkonform gekennzeichnet. Diese Pflichtangaben gelten unabhängig davon, ob ein Produkt ein Naturkosmetik-Siegel trägt.

Quellen

  1. Kantonales Laboratorium Bern, Kennzeichnung von Kosmetika, 2021. Quelle
  2. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Geregelte Stoffe in kosmetischen Mitteln. Quelle
  3. International Organization for Standardization, ISO 16128-1:2016, Guidelines on technical definitions and criteria for natural and organic cosmetic ingredients and products. Quelle
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Niacinamid, Vitamin C, Hyaluronsäure und Ceramide in zwei aufeinander abgestimmten Produkten. Vegan, entwickelt in der Schweiz, 100 Tage Rückgaberecht.

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Über den Autor: Dominic Bertschin ist Gründer von Kompromisslos und entwickelt minimalistische, vegane Hautpflege für den Schweizer Markt. Jeder Beitrag basiert auf der Arbeit an den eigenen Formulierungen. Mehr über Dominic Bertschin