Naturkosmetik-Siegel: welche in der Schweiz wirklich zählen

CH-LOKALITÄT

Naturkosmetik-Siegel sind private Standards, keine staatlichen Vorgaben. In der Schweiz begegnen dir vor allem NATRUE und COSMOS für die Naturkosmetik selbst sowie das V-Label für vegane Produkte. Geprüft werden Rohstoffherkunft, Verarbeitung und Kennzeichnung, nicht aber, wie viel Wirkstoff in der Rezeptur steckt. Ein Siegel ist eine Vorsortierung, kein Wirkungsnachweis.

Wer vergibt ein Naturkosmetik-Siegel und auf welcher Grundlage?

Ein Naturkosmetik-Siegel wird von einem privaten Verband oder einer Zertifizierungsstelle vergeben, nicht von einer Behörde. Der Begriff Naturkosmetik ist in der Schweiz rechtlich nicht definiert, es gibt also keine amtliche Liste, die festlegt, ab wann sich eine Creme so nennen darf. Geregelt sind Sicherheit, Zusammensetzung und Kennzeichnung: Laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen gilt für kosmetische Mittel seit dem 1. Mai 2017 unter anderem ein Täuschungsverbot. Eine Marke darf also nicht behaupten, was nicht stimmt, aber sie darf das Wort Naturkosmetik auch ohne Zertifikat verwenden. Genau in diese Lücke sind die privaten Standards gestossen. Sie schaffen Regeln, wo das Gesetz keine Definition liefert, und sie tun das freiwillig und auf Kosten der Hersteller. Was das für eine konkrete Rezeptur bedeutet, siehst du am schnellsten in einer offenen Übersicht der eingesetzten Inhaltsstoffe, nicht auf der Vorderseite einer Verpackung.

Welche Naturkosmetik-Siegel begegnen dir in der Schweiz?

In Schweizer Drogerien, Apotheken und Onlineshops triffst du fast immer auf dieselben vier Zeichen. NATRUE und COSMOS decken die Naturkosmetik im engeren Sinn ab, also Herkunft und Verarbeitung der Rohstoffe. Das V-Label steht für vegan oder vegetarisch und sagt nichts über den Naturanteil aus. Der springende Hase von Cruelty Free International steht für den Verzicht auf Tierversuche und sagt wiederum nichts darüber, ob tierische Rohstoffe enthalten sind. Diese Zeichen beantworten vier verschiedene Fragen, und keines beantwortet alle vier. Wer nur nach dem grünsten Logo greift, verwechselt schnell die Kategorien und kauft am eigenen Kriterium vorbei. Die folgende Übersicht ordnet ein, was hinter jedem Zeichen steht und wo seine Aussagekraft endet. Sie ersetzt den Blick auf die Rückseite nicht, macht ihn aber deutlich schneller und zielgerichteter, weil du weisst, welche Frage offen bleibt.

Siegel Was geprüft wird Was es nicht garantiert
NATRUE Herkunft und Verarbeitung aller Rohstoffe in zwei Stufen, natürlich oder biologisch. Wie hoch einzelne Wirkstoffe dosiert sind.
COSMOS Rohstoffquellen, Herstellungsverfahren und Kennzeichnung, ausgewiesen als COSMOS NATURAL oder COSMOS ORGANIC. Dass ein Produkt zu deinem Hautzustand passt.
V-Label Ob der gesamte Herstellungsprozess ohne tierische Stoffe auskommt. Dass die Rezeptur überwiegend natürlich ist.
Springender Hase Verzicht auf Tierversuche entlang der Lieferkette. Dass keine tierischen Rohstoffe enthalten sind.

Was prüfen NATRUE und COSMOS konkret?

NATRUE und COSMOS prüfen, woher ein Rohstoff stammt und wie stark er verarbeitet werden darf. NATRUE zertifiziert Fertigprodukte laut den NATRUE-Kriterien in der Version 3.9 seit dem 1. Januar 2021 nur noch in den beiden Stufen natürlich und biologisch. Für die Stufe Biokosmetik müssen mindestens 95 Prozent der enthaltenen natürlichen Stoffe pflanzlichen und tierischen Ursprungs aus kontrolliert biologischer Erzeugung oder kontrollierter Wildsammlung stammen. Dazu kommt eine Regel auf Markenebene: Mindestens 75 Prozent der Produkte einer Marke müssen die Kriterien erfüllen, damit das Label überhaupt verwendet werden darf. COSMOS-standard AISBL folgt einer vergleichbaren Logik und weist Fertigprodukte als COSMOS NATURAL oder COSMOS ORGANIC aus. Natur und Bio sind dabei nicht dasselbe: Die erste Stufe regelt nur die zulässige Herkunft der Rohstoffe, erst die Bio-Stufe verlangt zusätzlich einen definierten Anteil aus kontrolliertem Anbau.

Warum ein Siegel nichts über die Wirkstoffmenge sagt

Ein Siegel beantwortet die Herkunftsfrage, nicht die Dosisfrage. Zwei Cremes können beide zertifiziert sein und trotzdem völlig unterschiedlich formuliert: die eine mit einer Spur Pflanzenextrakt an letzter Stelle der Zutatenliste, die andere mit einer relevanten Menge. Beide dürfen dasselbe Logo tragen, weil geprüft wird, ob ein Rohstoff zulässig ist, und nicht, wie viel davon in der Rezeptur steckt. Genau hier entscheidet sich in der Praxis, ob eine Pflege für dich etwas bringt oder nur gut aussieht. Deshalb ist die Prozentangabe die ehrlichere Information als das Logo auf der Vorderseite. Im Duo aus Serum und Creme sind die Konzentrationen ausgewiesen, etwa 5 Prozent Niacinamid, 2 Prozent Hyaluronsäure und 0.3 Prozent Bakuchiol, jeweils bezogen auf das Duo als Ganzes. Wie stark sich zwei bekannte Wirkstoffe unterscheiden, zeigt der Vergleich von Vitamin C und Niacinamid.

Bedeutet vegan dasselbe wie Naturkosmetik?

Vegan und Naturkosmetik sind zwei getrennte Aussagen. Vegan heisst, dass keine tierischen Rohstoffe verwendet werden, weder in der Rezeptur noch bei der Herstellung. Naturkosmetik heisst, dass die Rohstoffe überwiegend pflanzlichen oder mineralischen Ursprungs sind und nur begrenzt verarbeitet werden dürfen. Ein Produkt kann vegan und trotzdem weitgehend synthetisch sein, und ein zertifiziertes Naturkosmetikprodukt kann Bienenwachs oder Lanolin enthalten und ist damit nicht vegan. Das V-Label wird nur vergeben, wenn der gesamte Herstellungsprozess den Kriterien der jeweiligen Kategorie entspricht, inklusive Verarbeitungshilfsstoffe, die auf der Verpackung gar nicht deklariert werden müssen. Auch bei rein pflanzlichen Rohstoffen lohnt sich der genaue Blick, denn Pflanzenextrakt ist nicht gleich Pflanzenextrakt: Was Enzianwurzel-Extrakt in einer Rezeptur leistet, hängt von Konzentration, Auszugsverfahren und verwendetem Pflanzenteil ab, und keines dieser drei Kriterien steht auf einem Logo. Wer vegan sucht, achtet deshalb auf beides getrennt.

Was gilt, wenn eine Marke kein Naturkosmetik-Siegel trägt?

Ein fehlendes Siegel ist kein Qualitätsurteil. Zertifizierung kostet Geld und Zeit, und für kleine Sortimente ist die Markenregel von NATRUE häufig der praktische Stolperstein. Wichtiger als das Logo ist, ob eine Marke die Fragen beantwortet, die ein Siegel offen lässt. Prüfe drei Dinge: Steht die vollständige Zutatenliste öffentlich einsehbar und nicht nur klein auf der Packung. Sind Konzentrationen genannt und nicht nur Wirkstoffnamen. Ist nachvollziehbar, wer produziert und wo abgefüllt wird. Kommt eine Marke bei allen drei Punkten ins Schwimmen, hilft auch ein Zertifikat wenig weiter. Ein zusätzlicher Anhaltspunkt sind unabhängige Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden, weil sie Verträglichkeit im Alltag abbilden, die kein Standard prüfen kann. Unser Serum und Creme im Set ist genau nach dieser Logik dokumentiert, mit ausgewiesenen Prozentwerten statt einer reinen Wirkstoffliste auf der Vorderseite.

Ich werde regelmässig gefragt, warum auf unseren Flaschen kein grosses Naturkosmetik-Logo prangt. Meine ehrliche Antwort: Ein Siegel hätte mir die Frage abgenommen, die mir Kundinnen tatsächlich stellen. Die lautet nie, ob ein Rohstoff zulässig verarbeitet wurde, sondern wie viel davon drin ist. Deshalb habe ich mich entschieden, die Konzentrationen offenzulegen, statt Vertrauen an ein Logo auszulagern. Das ist unbequemer, weil jede Zahl überprüfbar wird. Genau darum steht sie da. Wer lieber gezielt nach zertifizierten Produkten sucht, findet in der Schweiz gute Marken mit NATRUE- oder COSMOS-Zertifikat, und das ist völlig in Ordnung.

Wann ein Siegel nicht mehr weiterhilft

Kein Siegel ersetzt eine dermatologische Abklärung. Naturkosmetik-Standards prüfen Rohstoffe und Prozesse, nicht deinen Hautzustand. Wenn deine Haut dauerhaft juckt, nässt, sich schuppt oder auf mehrere Produkte hintereinander stark reagiert, gehört das in ärztliche Hände und nicht in einen weiteren Regalvergleich. Dasselbe gilt bei Verdacht auf eine Kontaktallergie: Erst ein Test zeigt, welcher Stoff der Auslöser ist, und das kann auch ein zertifizierter Pflanzenextrakt sein. Ätherische Öle und natürliche Duftstoffe sind in zertifizierter Naturkosmetik ausdrücklich erlaubt und gehören zu den häufigeren Auslösern von Unverträglichkeiten. Ein Siegel schützt dich davor also nicht, es sagt über Verträglichkeit schlicht nichts aus. Kosmetik pflegt und unterstützt das Erscheinungsbild der Haut, sie behandelt keine Erkrankungen. Diese Grenze ist keine Formalität, sondern der Punkt, an dem du dir Zeit, Geld und unnötige Umwege sparst, weil du die richtige Stelle fragst.

Häufige Fragen

Ist Naturkosmetik in der Schweiz gesetzlich definiert?

Nein. Für kosmetische Mittel gelten Vorgaben zu Sicherheit, Zusammensetzung, Kennzeichnung und ein Täuschungsverbot, aber es gibt keine amtliche Definition des Begriffs Naturkosmetik. Deshalb füllen private Standards wie NATRUE und COSMOS diese Lücke. Ohne Zertifikat darf eine Marke den Begriff trotzdem verwenden, solange sie nicht täuscht.

Gibt es ein strengstes Naturkosmetik-Siegel?

Ein pauschales Ranking gibt es nicht, weil die Standards unterschiedlich rechnen. Innerhalb von NATRUE ist die Stufe Biokosmetik strenger als die Stufe Naturkosmetik, weil sie zusätzlich einen Bio-Anteil verlangt. Der Vergleich zwischen NATRUE und COSMOS hängt von der Produktkategorie ab und lässt sich nicht in einem Satz entscheiden.

Bedeutet vegan automatisch Naturkosmetik?

Nein. Vegan bedeutet nur, dass keine tierischen Rohstoffe verwendet werden. Über den Naturanteil, die Verarbeitung oder synthetische Bestandteile sagt es nichts aus. Umgekehrt ist zertifizierte Naturkosmetik nicht automatisch vegan, weil Bienenwachs, Honig oder Lanolin nach den gängigen Naturkosmetik-Standards zulässig sind.

Ist Kosmetik ohne Siegel schlechter?

Nicht zwingend. Eine Zertifizierung kostet Geld und setzt oft voraus, dass ein grosser Teil des Sortiments mitzertifiziert wird. Entscheidend ist, ob die vollständige Zutatenliste öffentlich einsehbar ist, ob Konzentrationen genannt werden und ob Herstellung und Abfüllung nachvollziehbar sind. Fehlen diese Angaben, hilft auch ein Logo wenig.

Prüft ein Naturkosmetik-Siegel die Wirksamkeit?

Nein. Geprüft werden Herkunft und Verarbeitung der Rohstoffe sowie die Kennzeichnung, nicht das Ergebnis auf der Haut. Zwei zertifizierte Cremes können denselben Wirkstoff in völlig unterschiedlicher Menge enthalten und tragen trotzdem dasselbe Zeichen. Für die Einschätzung brauchst du die Konzentration, nicht das Logo.

Woran erkennst du Greenwashing auf einer Packung?

Typisch sind Begriffe ohne festgelegte Bedeutung wie naturinspiriert, clean oder frei von Chemie, kombiniert mit grüner Gestaltung und Pflanzenbildern. Prüfe stattdessen die Zutatenliste auf der Rückseite: Sie steht in mengenmässig absteigender Reihenfolge. Steht der beworbene Pflanzenstoff ganz am Ende, ist er nur in geringer Menge enthalten.

Gelten Naturkosmetik-Siegel in der Schweiz und der EU gleich?

Ja, die grossen Standards arbeiten grenzüberschreitend mit denselben Kriterien. NATRUE und COSMOS sind international angelegt und werden von akkreditierten Stellen kontrolliert, unabhängig vom Verkaufsland. Unterschiede gibt es nicht beim Standard selbst, sondern beim nationalen Kosmetikrecht, das zusätzlich eingehalten werden muss.

Quellen

  1. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV, Spezifische gesetzliche Anforderungen für kosmetische Mittel. Quelle
  2. NATRUE, NATRUE-Label: Kriterien für Natur- und Biokosmetik, Version 3.9, 2021. Quelle
  3. COSMOS-standard AISBL, COSMOS ORGANIC und COSMOS NATURAL. Quelle
The Duo - Sérum & crème visage
Die minimalistische Routine

The Duo — Serum & Creme, mehr braucht es nicht

Niacinamid, Vitamin C, Hyaluronsäure und Ceramide in zwei aufeinander abgestimmten Produkten. Vegan, entwickelt in der Schweiz, 100 Tage Rückgaberecht.

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Über den Autor: Dominic Bertschin ist Gründer von Kompromisslos und entwickelt minimalistische, vegane Hautpflege für den Schweizer Markt. Jeder Beitrag basiert auf der Arbeit an den eigenen Formulierungen. Mehr über Dominic Bertschin