Probiotische Hautpflege: was Mikrobiom-Kosmetik kann und was Marketing ist

WIRKSTOFFE

Probiotische Hautpflege enthält in aller Regel keine lebenden Bakterien, sondern Bestandteile davon: Fermente, Lysate oder Filtrate, die in der INCI zum Beispiel als Lactobacillus Ferment oder Bifida Ferment Lysate stehen. Einzelne dieser Extrakte haben in kleinen, teils vom Hersteller selbst durchgeführten Studien empfindliche Haut messbar weniger reizbar gemacht. Dass eine Creme dein Hautmikrobiom gezielt «aufbaut», ist dagegen nicht belegt. Für die meisten Menschen bringt eine reizarme Routine mehr als ein weiterer Trend-Wirkstoff.

Was ist das Hautmikrobiom, und was hat es mit der Pflege zu tun?

Das Hautmikrobiom ist die Gemeinschaft aus Bakterien, Pilzen und Viren, die auf deiner Haut lebt, und Pflege verändert vor allem die Bedingungen, unter denen diese Gemeinschaft lebt. Eine Übersichtsarbeit in Nature Reviews Microbiology beschreibt die Haut als trockenen, nährstoffarmen und sauren Lebensraum. Genau diese Bedingungen machen es Krankheitserregern schwer, sich anzusiedeln, und trotzdem ist die Haut von einer vielfältigen Mikrobiota besiedelt. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen Arten wie Staphylococcus epidermidis, Cutibacterium acnes (dort noch unter dem alten Namen Propionibacterium acnes) und Staphylococcus aureus. Für die Einordnung wichtig: Einen Sollwert, welche Mischung bei dir «richtig» ist, gibt es nicht. Kein Etikett kann ihn deshalb wiederherstellen.

Was Pflege tatsächlich tut, zeigt eine kleine Untersuchung in BMC Biology. Forschende verfolgten bei 11 Freiwilligen über 9 Wochen, wie vier Alltagsprodukte die Haut verändern. Die Effekte hielten wochenlang an und fielen von Person zu Person sehr unterschiedlich aus. Gesichts- und Armlotionen veränderten die bakterielle Vielfalt dabei kaum, wohl aber die chemische Zusammensetzung der Hautoberfläche. Eine Creme ist also kein Bakterienlieferant, sondern Teil der Umgebung, in der die Bakterien leben: Feuchtigkeit, Fette, Säuregrad und die Zahl der Reize.

Enthält probiotische Kosmetik wirklich lebende Bakterien?

Nein, probiotische Kosmetik enthält in aller Regel keine lebenden Bakterien, und das hat mit den Regeln für Kosmetik zu tun. Probiotika sind als lebende Mikroorganismen definiert, die in ausreichender Menge einen gesundheitlichen Nutzen bringen. Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal Molecules hält fest, dass Kosmetik aus Sicherheitsgründen nur sehr wenige Keime enthalten soll, und folgert daraus, dass es eine echte probiotische Kosmetik nicht geben kann. Dazu kommen zwei praktische Hürden: Konservierungsstoffe sollen Keime im Produkt hemmen oder abtöten, und in einer wasserhaltigen Creme würden getrocknete Bakterien sich entweder vermehren oder absterben.

Die gleiche Arbeit hat 50 als probiotisch beworbene Produkte zweier grosser nordamerikanischer Kosmetikhändler ausgewertet. 78 Prozent der auf den Etiketten aufgeführten Bakterienzutaten waren Fermente in Form von Extrakten, Filtraten oder Lysaten. Joghurt machte 10 Prozent aus, ohne Angabe, welche Bakterien darin stecken oder ob sie leben. «Probiotisch» auf einer Creme heisst also meistens: Es ist etwas drin, das einmal aus Bakterien gewonnen wurde. Das muss nicht wertlos sein, ist aber etwas anderes, als der Begriff verspricht.

Was ist der Unterschied zwischen Präbiotika, Probiotika und Postbiotika in Cremes?

Präbiotika sollen bestimmte Hautbakterien füttern, Probiotika wären die lebenden Bakterien selbst, und Postbiotika sind unbelebte Bakterien oder deren Bestandteile, also vieles von dem, was in «probiotischen» Cremes tatsächlich steckt. Für Postbiotika gibt es eine Fachdefinition: eine Zubereitung aus unbelebten Mikroorganismen und/oder ihren Bestandteilen, die dem Wirt einen gesundheitlichen Nutzen bringt. Reine Filtrate ohne Zellbestandteile zählen danach nicht dazu. Auf Verpackungen werden die drei Begriffe trotzdem oft vermischt, weil «probiotisch» am bekanntesten klingt. Nicht jede Zutat aus einer Fermentation gehört in diese Familie: Fermentzucker wie Biosaccharide Gum-1 werden in der Kosmetik vor allem als Feuchthalter eingesetzt und haben mit dem Mikrobiom-Versprechen nichts zu tun.

Begriff Was es ist Typische Angabe in der INCI Was du realistisch erwarten kannst
Präbiotika Zucker oder Oligosaccharide, die erwünschte Hautbakterien bevorzugt nähren sollen z. B. Inulin, Alpha-Glucan Oligosaccharide Feuchtigkeit wie bei anderen Zuckern; die gezielte Wirkung auf Hautbakterien ist am Menschen kaum untersucht
Probiotika Lebende Mikroorganismen In Cremes praktisch nie, «lebende Kulturen» nur in Ausnahmeprodukten Der Begriff trifft auf Kosmetik meist nicht zu
Postbiotika Unbelebte Bakterien oder ihre Bestandteile Lactobacillus Ferment, Bifida Ferment Lysate, Lactococcus Ferment Lysate Einzelne Extrakte mit kleinen Studien; ein Ergebnis gilt nur für den getesteten Extrakt in der getesteten Menge

Was zeigen Studien zu probiotischer Hautpflege bisher?

Studien zeigen bisher, dass einzelne Bakterienlysate in bestimmten Mengen empfindliche Haut beruhigen können, aber nicht, dass Mikrobiom-Kosmetik als Kategorie mehr leistet als gute Basispflege. Ein oft zitiertes Beispiel ist eine Studie in Experimental Dermatology: 66 Frauen mit reaktiver Haut trugen zwei Monate lang zweimal täglich entweder eine Creme mit 10% eines Lysats aus Bifidobacterium longum oder eine Kontrollcreme auf. In der Gruppe mit dem Extrakt nahm die Empfindlichkeit im Stinging-Test signifikant ab, die Haut hielt physikalischer und chemischer Belastung besser stand, und nach 29 Tagen war sie laut ärztlicher Bewertung und eigener Einschätzung der Teilnehmerinnen weniger trocken.

Die Einordnung gehört dazu. Die Studie stammt von Forschenden eines grossen Kosmetikkonzerns, sie prüft genau einen Extrakt in genau einer Konzentration, und sie misst Hautempfindlichkeit und Barriere, nicht das Mikrobiom selbst. Ob eine Creme, die «Bifida Ferment Lysate» weit hinten in der INCI führt, ähnlich viel davon enthält, kannst du von aussen nicht erkennen. Die Übersichtsarbeit in Molecules kommt zu einem ähnlich nüchternen Schluss: Für Aussagen braucht es weitere Studien Stamm für Stamm und randomisierte Studien am Menschen. Vielversprechend heisst in diesem Feld also: interessant für die Forschung, aber noch kein Grund, die eigene Routine umzubauen.

Was stört das Hautmikrobiom im Alltag, und was schont es?

Am ehesten bringt dein Hautmikrobiom aus dem Gleichgewicht, was auch die Hautoberfläche strapaziert: zu häufiges und zu kräftiges Reinigen, viele Produkte gleichzeitig, ständiges Peelen und Duftstoffe auf empfindlicher Haut. Die direkte Studienlage zu jedem einzelnen Faktor ist beim Menschen allerdings dünn. Die Logik läuft über den Lebensraum: Wenn Säuregrad, Fett und Feuchtigkeit der Haut immer wieder kippen, ändern sich die Bedingungen für die Bakterien darauf. Eine geschwächte Barriere ist dabei meist der sichtbarere Teil des Problems, und woran du eine gestörte Hautbarriere erkennst, ist ein eigenes Thema. Beim Reinigen zählt vor allem, ob es mild ist und wie oft du es tust, mehr dazu im Beitrag darüber, welche Reinigung deine Haut wirklich braucht. Und wenn mehr Produkte die Haut unruhiger statt ruhiger machen, lohnt sich ein Blick darauf, woran du überpflegte Haut erkennst.

Schonend ist im Umkehrschluss eine kurze Routine mit wenigen Reizen. Genau dort setzt The Duo aus Serum und Creme an, ohne probiotische Pflege zu sein: Es enthält weder lebende Bakterien noch Bakterienlysate. Beide Produkte sind parfumfrei und ohne ätherische Öle, The Shield bringt Ceramide NP, Squalan und Jojobaöl, The Essential Hyaluronsäure in drei Molekülgrössen. In ihrer Bewertung auf Judge.me schreibt Andrea G.: «Meine Haut fühlt sich versorgt und weich an, aber nicht überladen.»

Wenn du eine neue Mikrobiom-Creme testen willst, ersetze damit ein bestehendes Produkt, statt sie zusätzlich aufzutragen. Nur so kannst du nach einigen Wochen beurteilen, was sie tatsächlich verändert.

Woran erkennst du in der INCI, ob Mikrobiom-Kosmetik mehr als ein Werbewort ist?

Ob hinter Mikrobiom-Kosmetik mehr steckt als ein Werbewort, erkennst du an konkreten Angaben: welche Bakterienzutat, in welcher Form, an welcher Stelle der Liste und ob es eine Studie mit genau diesem Inhaltsstoff gibt. Begriffe wie «mikrobiomfreundlich» oder «stärkt die Hautflora» sagen ohne diese Angaben wenig. Hilfreich ist eine Regel der Deklaration: Die Zutaten stehen absteigend nach Menge, nur sehr kleine Anteile dürfen am Schluss in beliebiger Reihenfolge folgen. Was ganz hinten steht, ist deshalb in aller Regel nur in Spuren enthalten.

  1. Bakterienzutat suchen: Steht etwas wie Lactobacillus Ferment, Bifida Ferment Lysate oder Lactococcus Ferment Lysate in der INCI? Fehlt sie, bezieht sich «Mikrobiom» meist nur auf einen Test oder ein Siegel.
  2. Position prüfen: Weit hinten heisst wenig. Das ist nicht automatisch schlecht, passt aber schlecht zu einem grossen Versprechen.
  3. Bei «lebenden Kulturen» in einer konservierten, wasserhaltigen Creme skeptisch bleiben.
  4. Nach der Studie fragen: Nennt der Hersteller Teilnehmende, Dauer und Konzentration für genau diesen Extrakt?
  5. Den Rest der Formel lesen: Duftstoffe, ätherische Öle oder Alkohol weit vorne passen schlecht zu einer Creme, die als besonders schonend auftritt. Mehr dazu unter Pflege für empfindliche Haut.

Ich habe bewusst keine Bakterienlysate und keine «Probiotika» in die Formel genommen. Nicht, weil ich solche Extrakte für Unsinn halte, sondern weil ich nichts auf eine Flasche schreiben will, das sich auf der Haut nicht sauber belegen lässt. Stattdessen habe ich bei den Reizen angesetzt: zwei Produkte statt acht, parfumfrei, offengelegte Konzentrationen, und gereinigt wird laut unserer Anwendung nur mit Wasser. Das ist weniger spektakulär als ein neuer Trend-Wirkstoff, dafür nachvollziehbar. Die Grenze sage ich gleich dazu: The Duo verändert dein Mikrobiom nicht gezielt, und das versprechen wir auch nicht. Was drin ist und was nicht, findest du vollständig in unserer Inhaltsstoffliste von A bis Z.

Häufige Fragen

Können Bakterien aus einer Creme sich dauerhaft auf der Haut ansiedeln

Das ist sehr unwahrscheinlich. Die meisten Cremes enthalten gar keine lebenden Bakterien, sondern Lysate oder Fermente. Und selbst lebende Keime treffen auf eine Haut, die trocken, nährstoffarm und sauer ist und schon von einer eigenen Mikrobiota besiedelt wird. Belastbare Belege dafür, dass sich Stämme aus Kosmetik dort dauerhaft halten, gibt es nicht.

Zerstören Konservierungsstoffe das Hautmikrobiom

Dass sie es zerstören, ist beim Menschen nicht belegt. Die Übersichtsarbeit in Molecules weist aber darauf hin, dass Konservierer Bakterien hemmen oder abtöten sollen und deshalb auch die Hautflora beeinflussen könnten, belastbare Daten dazu fehlen. Mehr dazu im Beitrag über Konservierungsstoffe in Naturkosmetik. The Duo ist mit Sodium Benzoate und Sodium Levulinate konserviert, unterstützt von Pentylene Glycol und Glycerin.

Ist «mikrobiomfreundlich» ein geschützter Begriff

Nein, für «mikrobiomfreundlich» gibt es keine gesetzliche Definition. Werbeaussagen auf Kosmetik müssen zwar belegbar sein, welche Tests als Beleg dienen, legen aber meist der Hersteller oder ein privates Prüfinstitut fest. Frag deshalb nach, was genau getestet wurde, an wie vielen Personen und wie lange.

Helfen probiotische Joghurtmasken im Gesicht

Für eine Wirkung auf das Hautmikrobiom gibt es keine belastbaren Studien. Joghurtkulturen sind auf Milch spezialisiert, nicht auf Haut. Die enthaltene Milchsäure kann die Oberfläche leicht glätten, auf empfindlicher Haut aber auch brennen. Wer die Maske mag, kann sie gelegentlich verwenden. Als Mikrobiom-Kur taugt sie nicht.

Bringen Probiotika zum Einnehmen etwas für die Haut

Die Studienlage ist dünner, als die Werbung vermuten lässt. Ein Cochrane-Review mit 39 randomisierten Studien zu geschluckten Probiotika kam zum Schluss, dass die verfügbaren Stämme bei Ekzemen die von Betroffenen bewerteten Beschwerden wahrscheinlich kaum oder gar nicht verbessern. Bei Hautproblemen ist eine ärztliche Abklärung sinnvoller als ein Supplement auf eigene Faust.

Ist probiotische Pflege bei Akne oder Neurodermitis sinnvoll

Bei Akne oder Neurodermitis gehört die Entscheidung zu einer Dermatologin oder einem Dermatologen. Zu einzelnen Bakterienextrakten gibt es kleine Studien, aber keine Grundlage, um eine Creme als Behandlung einzusetzen. Kosmetik kann eine ärztlich begleitete Therapie höchstens ergänzen, und auch dann nur nach Rücksprache.

Brauche ich probiotische Pflege, wenn ich The Duo benutze

Nein, für gesunde Haut brauchst du keine zusätzliche probiotische Pflege. The Duo enthält selbst keine Bakterien und keine Lysate und verspricht auch keine Wirkung auf das Mikrobiom. Es setzt auf wenige Reize, Feuchtigkeit und Lipide. Eine weitere Creme obendrauf würde vor allem die Zahl der Produkte erhöhen, mit denen das Duo aus Serum und Creme bewusst auskommt.

Quellen

  1. Byrd AL, Belkaid Y, Segre JA. The human skin microbiome. Nature Reviews Microbiology, 2018. Quelle
  2. Bouslimani A, da Silva R, Kosciolek T, Janssen S, Callewaert C, Amir A, et al. The impact of skin care products on skin chemistry and microbiome dynamics. BMC Biology, 2019. Quelle
  3. Puebla-Barragan S, Reid G. Probiotics in Cosmetic and Personal Care Products: Trends and Challenges. Molecules, 2021. Quelle
  4. Guéniche A, Bastien P, Ovigne JM, Kermici M, Courchay G, Chevalier V, et al. Bifidobacterium longum lysate, a new ingredient for reactive skin. Experimental Dermatology, 2010. Quelle
  5. Makrgeorgou A, Leonardi-Bee J, Bath-Hextall FJ, Murrell DF, Tang ML, Roberts A, et al. Probiotics for treating eczema. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2018. Quelle
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Über den Autor: Dominic Bertschin ist Gründer von Kompromisslos und entwickelt minimalistische, vegane Hautpflege für den Schweizer Markt. Jeder Beitrag basiert auf der Arbeit an den eigenen Formulierungen. Mehr über Dominic Bertschin