Augencreme: brauchst du sie wirklich oder reicht deine Gesichtspflege?

HAUTZUSTAND

Eine Augencreme brauchst du nicht zwingend. Für die meisten Menschen reicht eine gut verträgliche Gesichtspflege, die du vorsichtig bis zum knöchernen Orbitalrand aufträgst. Ein eigenes Augenprodukt lohnt sich vor allem dann, wenn deine Gesichtspflege dort reizt, stark parfümiert ist oder eine Textur hat, die in die Augen wandert.

Was unterscheidet eine Augencreme von einer Gesichtscreme?

Eine Augencreme ist in den meisten Fällen eine milder parfümierte, leichter aufgebaute Gesichtscreme in einem kleineren Tiegel. Es gibt keine geschützte Definition dafür, was ein Produkt zur Augencreme macht. Jede Marke entscheidet selbst, ob sie eine Creme so nennt. Typisch sind drei Anpassungen: kein oder wenig Parfum, eine niedrigere Konzentration reizfähiger Wirkstoffe und eine Textur, die nicht in den Tränenfilm kriecht. Alle drei Punkte kann eine gute Gesichtspflege ebenso erfüllen. Ist deine Creme bereits parfumfrei und mild formuliert, leistet sie rund ums Auge dasselbe wie ein Produkt mit Augen-Etikett. Der Unterschied liegt dann vor allem beim Preis pro Milliliter, weil kleine Gebinde in der Herstellung teurer sind. Hast du bereits eine verträgliche Routine, kaufst du mit einer zusätzlichen Augencreme oft ein weiteres Produkt, das inhaltlich sehr nah an dem liegt, was ohnehin im Bad steht.

Merkmal Typische Augencreme Milde Gesichtspflege
Parfum Meist reduziert oder weggelassen. Je nach Marke vorhanden oder nicht.
Textur Leicht bis mittelreich, damit nichts ins Auge kriecht. Von sehr leicht bis sehr reichhaltig.
Wirkstoffdichte Oft niedriger dosiert als die Gesichtspflege der Serie. Hängt von der Formulierung ab.
Gebinde Klein, meist höherer Preis pro Milliliter. Grösser, meist günstiger pro Milliliter.
Anwendungsbereich Nur bis zum Orbitalrand. Ganzes Gesicht bis zum Orbitalrand.

Sinnvoll wird die Trennung dort, wo sich die Anforderungen unterscheiden: bei stark duftenden Nachtcremes, sehr schweren Texturen und hochdosierten Säuren. Wie Serum und Creme zusammenspielen, entscheidet mehr als die Zahl der Tiegel.

Ist die Haut um die Augen wirklich dünner?

Ja, die Haut am Augenlid ist die dünnste im Gesicht, aber der Grund dafür liegt tiefer, als die Werbung nahelegt. Bei einer Vermessung von 39 Gesichtsarealen im Aesthetic Surgery Journal war die Lederhaut am oberen inneren Lid mit rund 759 Mikrometern am dünnsten, an der unteren Nasenflanke mit rund 1969 Mikrometern am dicksten. Die Oberhaut dagegen war am Lid nicht die dünnste Stelle im Gesicht. Der Unterschied entsteht also vor allem in der Lederhaut darunter, nicht in der äusseren Schutzschicht. Praktisch heisst das: Die Barriere am Lid ist nicht dramatisch schwächer als auf der Wange, aber das Gewebe darunter ist weniger gepolstert. Deshalb zeichnen sich Gefässe, Schwellungen und Mimikfalten dort früher ab. Für die Pflege folgt daraus weniger, als oft behauptet wird. Es spricht für Zurückhaltung bei Duft und Menge, nicht automatisch für ein zweites Produkt.

Dazu kommt ein zweiter Befund, der selten erzählt wird. Eine Untersuchung im Journal of Craniofacial Surgery an 61 Frauen fand keine bedeutsame Abnahme der Lidhautdicke mit dem Alter, im Mittel rund 860 Mikrometer über alle Altersgruppen. Was sich verändert, ist eher die Elastizität und das Volumen darunter. Mehr dazu, woran du eine geschwächte Hautbarriere erkennst, steht im eigenen Beitrag.

Wann lohnt sich ein eigenes Augenprodukt?

Ein eigenes Augenprodukt lohnt sich, wenn deine bestehende Pflege rund ums Auge Probleme macht oder dort gar nicht erst hinkommt. Drei Situationen sprechen dafür. Erstens: Deine Gesichtspflege ist parfümiert oder enthält ätherische Öle, und die Augen brennen oder tränen nach dem Auftragen. Zweitens: Die Textur ist so ölig oder so flüssig, dass sie über Nacht in den Tränenfilm wandert und morgens die Sicht verschleiert. Drittens: Du verwendest hochdosierte Säuren oder Retinoide, die du am Lid nicht haben willst, und brauchst dort etwas Mildes als Ersatz. Trifft keine dieser drei Situationen zu, ist ein viertes Produkt kein Fortschritt, sondern nur eine weitere Variable in einer Routine, die bereits funktioniert. Gegen anlagebedingte Schatten oder gegen die Form der Tränenrinne richtet auch die teuerste Augencreme kosmetisch wenig aus. Das ist kein Formulierungsproblem, sondern eine Frage der Anatomie.

Eine Anfrage aus unserem Postfach zeigt das. Eine Kundin schrieb, sie verwende seit Jahren eine teure Augencreme und frage sich, warum ihre Lider morgens trotzdem spannen. Im Austausch stellte sich heraus, dass sie die Augencreme sehr sparsam auf das Lid tupfte und ihre reguläre Gesichtspflege aus Vorsicht weit vor dem Auge stoppte. Der trockene Streifen lag genau dazwischen, am Orbitalrand, den kein Produkt erreichte. Nicht ein fehlendes Spezialprodukt war das Thema, sondern eine Lücke in der Anwendung. Gerade bei empfindlicher Haut zählt eher, was du weglässt.

Was reicht stattdessen rund ums Auge?

Rund ums Auge reicht in den meisten Fällen deine gewohnte Gesichtspflege, sparsam dosiert und bis zum knöchernen Orbitalrand aufgetragen. Das ist die Kante, die du ertastest, wenn du vom Wangenknochen aus Richtung Auge fährst. Bis dorthin darf Pflege, weiter nicht. Das bewegliche Lid und der Wimpernkranz bleiben frei, weil Produkt von dort über den Lidschlag in den Tränenfilm wandert. Nimm für beide Augen zusammen etwa so viel, wie an der Kuppe deines Ringfingers haftet, und tupfe es auf, statt zu reiben. Kompromisslos hat bewusst kein Augenprodukt im Sortiment. The Duo aus Essential Serum und Shield Creme ist eine Gesichtspflege für CHF 109.90 und wird nicht als Augenpflege ausgelobt. Wie du Serum und Creme morgens und abends sauber aufträgst, steht in der Anleitung zur Anwendung. Für die Augenpartie gilt dabei nur eine zusätzliche Regel: weniger Menge, mehr Abstand zur Lidkante.

Nicht nötig ist ein eigenes Augenprodukt, wenn deine Pflege parfumfrei ist, nicht brennt und morgens nicht in den Augen landet. Dann kostet die zusätzliche Tube nur Geld.

Worauf achtest du bei der Verträglichkeit rund ums Auge?

Achte rund ums Auge zuerst auf Duftstoffe, ätherische Öle und hoch dosierte Säuren, denn diese drei sorgen für die meisten Reaktionen. Duftstoffe sind der häufigste Auslöser von Kontaktreaktionen in der Kosmetik, und die Lidhaut ist die Stelle, an der sich das am schnellsten zeigt: mit Brennen, Rötung oder feinen Schuppen an der Lidkante. Teste ein neues Produkt deshalb erst einige Tage am äusseren Augenwinkel, bevor du grossflächiger arbeitest. Trägst du Kontaktlinsen, setze sie erst ein, wenn die Pflege eingezogen ist. Verzichte auf ziehende Bewegungen, weil das Gewebe dort wenig Halt hat. Und ändere immer nur ein Produkt gleichzeitig, sonst weisst du bei einer Reaktion nicht, was sie ausgelöst hat. Diese Regeln gelten unabhängig vom Alter und sind Teil jeder Routine für reife Haut. Damit ersparst du dir die meisten teuren Fehlkäufe.

Wann eine Fachperson die bessere Adresse ist

Zur Fachperson gehört alles, was plötzlich auftritt, einseitig bleibt oder das Sehen betrifft. Kosmetik pflegt die Haut und beeinflusst ihr Erscheinungsbild, sie ersetzt keine Abklärung. Eine Augenärztin oder ein Dermatologe ist die richtige Adresse bei einer Schwellung, die nur ein Auge betrifft, bei nässenden oder stark juckenden Lidkanten, bei einem harten Knötchen am Lid, bei anhaltend geröteten, brennenden Augen und bei jeder Veränderung der Sehschärfe. Auch wiederkehrende Ekzeme rund ums Auge gehören abgeklärt, weil dahinter eine Kontaktallergie stehen kann, die sich nur über einen Test finden lässt. Das gilt ebenso, wenn Schwellungen regelmässig über den Vormittag hinaus bleiben. Eine Augencreme ist in solchen Fällen keine Zwischenlösung, sondern verzögert nur den Termin, der ohnehin ansteht. Kosmetik darf die Haut rund ums Auge pflegen und geschmeidig halten. Alles, was nach Entzündung, Infektion oder Sehproblem aussieht, gehört in fachliche Hände, und zwar früher als später.

Ich habe bewusst keine Augencreme entwickelt. Beim Aufbau von Kompromisslos stand die Frage im Raum, ob ein drittes Produkt das Sortiment stärker macht. Als ich die Formulierung durchgerechnet habe, war die Antwort ernüchternd: Was in einer Augencreme von mir gestanden hätte, steckt bereits in der Shield Creme, nur im kleineren Tiegel zum höheren Preis pro Milliliter. Ich verkaufe lieber zwei Produkte, die du wirklich brauchst, als drei, von denen eines vor allem eine Lücke im Sortiment füllt. Ist dir eine dedizierte Augenpflege wichtig, ist eine andere Marke für dich die ehrlichere Wahl. Was ich anbieten kann, sind zwei aufeinander abgestimmte Schritte statt vier halbherziger.

Häufige Fragen

Brauche ich ab 40 eine Augencreme?

Nein, das Alter allein ist kein Grund für ein eigenes Augenprodukt. Entscheidend ist, wie deine bestehende Pflege rund ums Auge verträglich ist. Reizt sie dort nicht und wandert sie nicht ins Auge, kannst du sie weiter bis zum Orbitalrand verwenden. Eine Augencreme wird mit 40 nicht plötzlich notwendig.

Ist eine Augencreme sinnvoll gegen Augenringe?

Nur begrenzt. Dunkle Schatten entstehen meist durch durchscheinende Gefässe, Pigment oder die Form der Tränenrinne, und daran ändert Kosmetik wenig. Eine gut verträgliche Pflege kann die Haut glatter wirken lassen und so das Erscheinungsbild etwas mildern. Erwartest du eine deutliche Veränderung, enttäuscht dich jedes Produkt.

Kann ich meine normale Gesichtscreme um die Augen verwenden?

In den meisten Fällen ja, sofern sie parfumfrei und mild formuliert ist. Trage sie sparsam bis zum knöchernen Orbitalrand auf und lasse das bewegliche Lid sowie den Wimpernkranz frei. Brennt sie, tränen die Augen oder verschleiert sie morgens die Sicht, ist sie für diese Partie nicht geeignet.

Was sagt ein Augencreme-Test wirklich aus?

Ein Test vergleicht meist Deklaration, Schadstoffanalyse und Anwendungsempfinden einer Auswahl von Produkten zu einem Stichtag. Das ist nützlich für die Vorauswahl, sagt aber nichts darüber, wie deine Haut reagiert. Verträglichkeit lässt sich nicht aus einer Tabelle ablesen, sondern zeigt sich erst nach einigen Tagen am eigenen Auge.

Ab wann sollte ich mit Augenpflege anfangen?

Sobald du überhaupt eine Gesichtspflege verwendest, weil die Partie bis zum Orbitalrand einfach mitgepflegt wird. Ein separater Startzeitpunkt für Augenpflege existiert nicht. Sinnvoller als ein früher Produktkauf ist konsequenter Sonnenschutz, weil UV-Strahlung die sichtbare Hautalterung rund ums Auge am stärksten beeinflusst.

Hilft eine Augencreme gegen Schwellungen am Morgen?

Kaum. Morgendliche Schwellungen entstehen durch Flüssigkeit, die über Nacht im Gewebe verbleibt, und verteilen sich meist von selbst wieder. Kühle und eine erhöhte Kopfposition wirken schneller als jedes Produkt. Bleiben Schwellungen über den Vormittag hinaus bestehen oder betreffen sie nur ein Auge, gehört das abgeklärt.

Quellen

  1. Chopra K et al., A comprehensive examination of topographic thickness of skin in the human face, Aesthetic Surgery Journal, 2015. Quelle
  2. Hwang K, Kim DJ, Kim SK, Does the upper eyelid skin become thinner with age, Journal of Craniofacial Surgery, 2006. Quelle
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Über den Autor: Dominic Bertschin ist Gründer von Kompromisslos und entwickelt minimalistische, vegane Hautpflege für den Schweizer Markt. Jeder Beitrag basiert auf der Arbeit an den eigenen Formulierungen. Mehr über Dominic Bertschin